Kernenergie liegt wieder im Trend. Fast täglich sind Meldungen darüber zu lesen, dass dieses oder jenes Land den Bau neuer Atomkraftwerke plant oder die Laufzeit bestehender Anlagen verlängern will. Doch hin und wieder reibt man sich die Augen: Jordanien? Jemen? Diese und andere Länder, die über wenig oder gar keine nukleartechnische Erfahrung verfügen, wollen ebenfalls einsteigen? Schwer zu glauben, dass Staaten wie die genannten oder wie Indonesien und Thailand allein aus energie- oder umweltpolitischen Gründen derart kostspielige Technologieprogramme fahren wollen. Vielmehr ist zu vermuten, dass die neue Attraktivität der Kernenergie für manche Länder auch darin liegt, dass Atomtechnik für sie das politische Gewicht erhöht. Denn wer den nuklearen Brennstoffkreislauf beherrscht, verfügt immerhin schon mal über einige der Voraussetzungen für den Bau von Atomwaffen.

Darin liegt die Gefahr. Und es erhebt sich die Frage, wie ein weltweiter, nuklearer Rüstungswettlauf verhindert werden könnte.

In der jüngsten Ausgabe der ZEIT hat der Altbundeskanzler Helmut Schmidt darauf hingewiesen, dass die Atommächte, allen voran Amerika, eine große Verantwortung für die Zukunft des Atomwaffensperrvertrags tragen . Der Vertrag beruht auf vier Abmachungen. Erstens: Die nichtnuklearen Staaten versprechen, sich keine Kernwaffen zuzulegen. Zweitens unterstellen sie ihre zivilen Atomanlagen der Kontrolle durch die Internationale Atomenergiebehörde IAEA. Drittens erhalten sie im Gegenzug Unterstützung für die friedliche Nutzung der Kernenergie. Und viertens: Die fünf Atommächte USA, Großbritannien, Frankreich, China und Russland bemühen sich ernsthaft um Abrüstung. Dieses Abrüstungsversprechen wird allerdings nicht eingehalten - ein Umstand, auf den nicht nur Teherans Atomunterhändler dieser Tage hinweisen.

Die einflussreiche Gruppe jener Staaten unter den IAEA-Mitgliedern, die anachronistischerweise immer noch „nichtpaktgebunden“ heißt, hat unter Verwendung dieses Arguments schon mehrfach einen härteren Umgang mit Iran verhindert. Am Streit über die Abrüstungsverpflichtung der Atommächte scheiterte überdies die New Yorker Überprüfungskonferenz des Vertrags im Mai 2005. Es ließe sich zwar einwenden, dass es Sprechern der Kritiker wie zum Beispiel Malaysia ziemlich egal sein könne, ob Amerika seine Atomwaffen abrüstet oder nicht, es handele sich mithin um einen Vorwand. Doch so funktioniert Diplomatie nicht. In ihr geht es immer auch um das Prinzip der juristischen Gleichbehandlung und damit der Anerkennung staatlicher Souveränität. Wenn die fünf Atommächte den Rest der Welt ihre intransigente Arroganz spüren lassen, dann ist das ein Machtspiel, das die anderen Ernst nehmen müssen. Helmut Schmidt ist daher Recht zu geben: Die Atommächte bleiben aufgefordert, ihrer Vertragspflicht nachzukommen.

Fragt sich nur, was da möglich ist und was nicht. Bis zur amerikanischen Präsidentenwahl 2008 dürfte es jedenfalls kaum gelingen, das Atomtestabkommen sowie den Vertrag über die Produktion spaltbaren Materials unter Dach und Fach zu bringen. Bis zur nächsten Überprüfungskonferenz des Atomwaffensperrvertrags sind es dann nur noch knapp zwei Jahre; die Zeit wird ebenfalls nicht reichen, diese Abkommen in Kraft treten zu lassen.

Damit ist aber nicht gesagt, dass jede Hoffnung auf Fortschritte begraben werden muss. Paradoxerweise könnte ein Programm zur Erneuerung amerikanischer Atomwaffen, das in diesen Tagen beschlossen wurde, der Bush-Regierung Gelegenheit bieten, die festgefahrene Lage aufzulockern ohne sich eine Blöße geben zu müssen. Das Lawrence Livermore Lab erhielt Anfang März den Auftrag, ein ausführliches Konzept für das Auswechseln der Atomsprengköpfe auf den amerikanischen Interkontinentalraketen zu entwickeln. Die Ingenieure dürften etwa ein Jahr dafür benötigen, bis zur Massenproduktion der Sprengköpfe würde es dann noch einmal mehrere Jahre dauern. Der ganze Vorgang verläuft in Stufen, jeweils in Gang gesetzt oder auch gestoppt durch Beschlüsse des amerikanischen Kongresses - das sind ebenso viele Gelegenheiten, Sinnvolles zu beschließen, beispielsweise den Verzicht auf Tests der neuen Sprengköpfe (was die Ratifizierung des Teststoppabkommens vorbereiten könnte) sowie die Vernichtung der alten.