An den Börsen ist der Tiefpunkt noch nicht erreicht, schrieben wir in der vergangenen Woche. Und was geschah? Prompt kletterten die Kurse um ein paar Prozent, als wollten sie uns widersprechen. Da stellt sich dann doch die Frage: War der Kursrutsch, der am 27. Februar begann, nur eine große Bärenfalle? Das wäre eine Kursbewegung, welche die Bären unter den Investoren, jene, die auf fallende Kurse setzen, in die Falle lockt - und diese zuschnappen lässt, kaum dass die gutgläubigen Wesen hineingetappt sind und im Angesicht der Kursverluste begonnen haben, sich drinnen hübsch einzurichten. Genau dann nämlich steigen die Kurse sofort wieder - die Bären aber haben sich verspekuliert und sind die Dummen.

Wir glauben nicht an eine solche Bärenfalle, und das aus guten Gründen. Um ehrlich zu sein - was wir natürlich immer sind: Uns irritiert, dass dem Aufwärtstrend die Dynamik fehlt. Denn in der Regel endet ein Kursrutsch wie der vom 27. Februar nicht in einem geordneten Rückgang, an den sich wiederum eine leichte, aber stetige Erholung anschließt. Kurseinbrüche münden in eine Panik, der das Gefühl des Kaufzwangs folgt. Erst wenn die Anleger das überstanden haben, ist ein Crash wirklich vorbei. Und die Kurse steigen wieder schneller.

Warum das so ist? Ganz einfach, Anleger kaufen Aktien in der Erwartung, diese zu einem späteren Zeitpunkt mit satten Gewinnen wieder zu verkaufen. Wenn nun die Kurse fallen, so werden die Gewinne immer kleiner. Hat der Investor seine Papiere gar zu einem Preis über dem aktuellen Stand erworben, muss er Verluste verkraften.

Verluste aber sind etwas Schlimmes für jeden Anleger. Durch sie wird schonungslos aufgedeckt, dass er sich verkalkuliert hat. Seine Aktien hat er viel zu teuer erworben - hätte er nur ein wenig gewartet! Und, so sind die Menschen nun einmal, Fehler gestehen sie sich nicht gerne ein. Also reden sie ihre Entscheidung schön: "Das ist vorübergehend, mittelfristig ist meine Aktie ein klarer Kauf". Oder sie suchen nach Informationen, die ihren Erwerb rechtfertigen. Fakten, die gegen ihre Aktien sprechen, übersehen sie dabei geflissentlich. Eine solche selektive Wahrnehmung ist ein zentraler Aspekt der von der Behavioral Finance beschriebenen Dissonanztheorie.

Die Folge ist, dass Investoren sich an ihre Aktien klammern, selbst wenn diese immer höhere Verluste einbringen. Sich einzugestehen, man habe Geld verbrannt, fällt nun mal schwer.

Für solches Klammerverhalten hat die Behavioral Finance eine weitere Erklärung, genannt "Besitztumseffekt". Der Name sagt es schon, es geht hier um den Besitz des Menschen. In der Regel verlangt er nämlich für Dinge, die bereits sein eigen sind, mehr, als er selbst zahlen würde, um die gleichen Dinge zu erwerben. Aufs Aktiendepot übertragen: Anleger schätzen die Chancen der Papiere in ihrem Besitz viel höher ein als das Potenzial anderer Aktien. Also halten sie ihren Bestand, selbst wenn die Kurse fallen.