Gewiss, man kommt sich komisch vor, wenn man als Journalist dafür plädiert, bestimmte Sachen nicht zu veröffentlichen. Gehört denn nicht alles, was man wissen und erfahren kann, so bald wie möglich weitergegeben an die Öffentlichkeit? (Mal ausgenommen, die Fälle, in denen der Vorgang strafbar wäre. Wenn ich zum Beispiel nicht nur erfahre, sondern auch noch beweisen kann, dass ein bestimmter Mensch von einiger Prominenz ein grässlicher Trottel ist, darf ich das immer noch nicht weitersagen – von wegen Beleidigung.)

Aber nun im Ernst! Im Irak waren zwei Deutsche entführt worden – jetzt verlangen die Entführer: Entweder zieht Deutschland seine Soldaten Knall auf Fall aus Afghanistan ab – oder die beiden Geiseln werden umgebracht. Vielleicht muss man es in die Medienwelt blasen, wenn man von dem Vorgang erfährt – irgendwann steht es ja eh’ im Internet, in diesem Fall haben es die Medien sogar aus dem Internet erfahren.

Doch müssen unsere Fernsehanstalten und viele, auch seriöse Zeitungen, Standbilder aus diesem Video auffallend veröffentlichen? Hat nicht auch der Journalist innerhalb der weithin grenzenlosen Pressefreiheit Verantwortung für die Auswahl und Formatierung seines Tuns? Sind Informationen wirklich nur abstrakt – oder müssen sie nicht auch in einen jeweils zu bestimmenden politischen, funktionalen, humanen Kontext eingeordnet werden? Ja, noch energischer: Werden sie nicht erst zu Informationen durch die Art und Weise, in der sie in diesen Kontext gestellt werden?

Schon als die Entführer und Terroristen der RAF das Foto des entführten und mit dem Tode bedrohten Hanns Martin Schleyer deponierten, hatte ich größte Zweifel, ob man als Journalist diesen Verbrechern auch noch den Gefallen tun musste, ihrem menschenverachtenden Treiben den Treibsatz weltweiter Öffentlichkeit hinzuzufügen – sich also durch die Verbreitung des gewollten Schreckens, des angestrebten Terrors, ungewollt, unbedacht letztlich doch zum Mit-Erschrecker, zum Mit-Terroristen zu machen. (Natürlich fallen mir alle möglichen Rechtfertigungsgründe und Ausreden ein, als da sind, erstens: Wenn wir es nicht tun, tun es andere – Wettbewerb um Auflage. Zweitens: Wenn wir es tun, erfährt die Öffentlichkeit erst richtig, mit welcher Art von Verbrechern sie es zu tun hat – usw. usf. Doch gleichzeitig fügt man der Familie des Opfers weiteren Tort an – und man setzt die ohnedies in größten Schwierigkeiten operierende Regierung (schließlich: unser aller Regierung) unter einen zusätzlichen, kaum erträglichen Druck.

So nun auch nach der jüngsten Entführerdrohung aus dem Irak: Wem ist mit der auffallenden Veröffentlichung solcher Bilder denn gedient – außer den Absichten der zum Mord bereiten Erpresser? Und wozu die Regierung, die sich sowieso aus dieser Erpressung nie ganz glücklich herauswinden kann, nun noch zusätzlich in die Kalamität treiben?

Damit nur kein Missverständnis entsteht: Mit einer Einschränkung der Pressefreiheit, der Freiheit überhaupt, hat dieses Argument nicht das Geringste zu tun. Wenn ich aus wohl bedachten Gründen etwas unterlasse, was zu tun mir niemand verbietet oder verbieten könnte, dann erfahre ich keine Einschränkung meiner Freiheit, im Gegenteil: Ich betätige meine Freiheit – zum selbstständig verantwortlichen Handeln nämlich. Dazu muss man freilich vorher etwas Besonderes tun: Selbstständig nachdenken!

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