In der Bildungspolitik möchte man Karl Valentin zitieren. "Es ist alles gesagt, nur noch nicht von jedem." Dennoch macht der Aktionsrat Bildung mit seinen Vorschlägen Schlagzeilen. Das Selbstverständliche ist eben hierzulande längst noch nicht selbstverständlich. Diesmal haben sich Bildungsforscher um den Erziehungswissenschaftler und Präsidenten der Freien Universität Berlin Dieter Lenzen zu Wort gemeldet. Schon der Name "Aktionsrat" ist für ein Wissenschaftlergremium ungewöhnlich. Er signalisiert: endlich handeln.

Vorgeschlagen wird,  Bildung von Anfang an auszubauen. Alle Vierjährigen sollen in den Kindergarten gehen. Spielen und Lernen müssten in eine gute Balance kommen. Die Grundschule wollen die Aktionsrats-Mitglieder bis zum sechsten Schuljahr ausdehnen. So würde dem Lernen der Druck der frühen Auslese genommen. Daran schließen sich eine Sekundarschule und das Gymnasium an. Die Hauptschule, inzwischen eine demoralisierende Anstalt, verschwindet.

Die Schulen sollen wirklich selbstständig werden. Das ist der entscheidende Vorschlag. Sie sollen "entstaatlicht" werden. Selbstständig könnten sie ebenso in privater wie in kommunaler Trägerschaft sein. Sie würden in jedem Fall keine weisungsgebundenen, nachgeordneten Behörden mehr sein. Schulleiter werden unternehmerischer, und Lehrer sind keine Lebenszeitbeamten mehr. Pädagogen, die sich vom Lernen verabschiedet haben, müssen sich einen anderen Job suchen. Ein weiterer Vorschlag: Die Hochschulen öffnen sich auch für Bewerber ohne Abitur. Sie wählen die Studierenden selbst aus.

Das sind Erneuerungen in der Grammatik des Systems. Auch wenn die anstehenden Veränderungen aus den berühmten vielen kleinen Schritten bestehen, so wird das Lernen und Lehren insgesamt neu gedacht. Wenn zum Beispiel in den Schulen nicht mehr restriktiv von Abschlüssen, sondern konstruktiv von Anschlüssen gesprochen würde – wie in vielen anderen Ländern – dann wäre schon viel gewonnen. Das kann natürlich nicht bloß das Umtaufen des Gleichen, es muss ein Mentalitätswandel sein. Den Schülern nicht mehr signalisieren: "Auf Euch haben wir gerade noch gewartet." "Ich wundere mich schon über gar nichts mehr." "Ihr werdet hier noch euer blaues Wunder erleben ..." – Man kennt ja diesen Misanthropensound und die Drohungen mit dem späteren Leben. Nein, die Schüler hier und heute zum Leben und zum Lernen einladen, ihnen sagen: "Kommt her, wir haben auf euch gewartet. Ihr seid schon ganz gut, aber in euch steckt doch noch viel mehr, lasst uns was draus machen."

Dieser Übergang von einem häufig noch beschämenden, lustlosen und langweiligen Bildungssystem zu einem freundlicheren und zugleich ernsthafteren, das Lernen zum großen Projekt des eigenen Lebens macht, liegt heute in der Luft.

Von der Öffentlichkeit noch kaum bemerkt, bauen einige Lehrer und Eltern das deutsche Schulsystem bereits um. Nehmen wir Hamburg. Hier geht ein halbes Duzend freier, privater Bürgerschulen an den Start und mindestens ebenso viele staatliche Schulen erneuern sich aus eigenem Antrieb nachhaltiger, als es die Reformen von oben bisher vermochten. Sie fangen zum Beispiel mit jahrgangsübergreifenden Klassen an. Manche Kinder können bei der Einschulung ja bereits schreiben. Andere werden Zeit brauchen, und einige der Nachzügler machen vielleicht einen großen Sprung.

Mehr Freiheit gibt man auch pubertierenden Jugendlichen, die jeden Morgen zwei Stunden im sogenannten Lernbüro Mathe, Englisch oder Deutsch machen, jeder arbeitet an etwas anderem. Man könnte auch sagen, jeder arbeitet an sich. Das klappt. Die Ergebnisse sind besser als je zuvor. Der Geist all dieser Gründungen und Umgründungen in einem Satz: Nicht mehr Fächer, sondern Schüler unterrichten.