Patrick Leahy hält mit seiner Kritik nicht hinter dem Berg. „Dies ist ein Beispiel von unternehmerischer Habgier in seiner schlimmsten Form“, poltert der demokratische Senator aus dem US-Bundesstaat Vermont – und schimpft weiter: „Auβerdem beleidigt diese Entscheidung alle amerikanischen Soldaten und Steuerzahler.“ Sein Politikerkollege Henry Waxman, Abgeordneter im Repräsentantenhaus, will solchen Worten sogar Taten folgen lassen: Der Demokrat aus Kalifornien erwägt, eine auβerordentliche Anhörung vor dem US-Kongress zu beantragen. Bald soll auch in Dubai ein solches Namensschild des US-Energieriesen Halliburton stehen - hier in Fort Worth, Texas

Selten hat die Verlegung einer Konzernzentrale für so viel Unmut gesorgt wie in den letzten Tagen: Am Sonntag gab Dave Lesar, Vorstandschef des umstrittenen amerikanischen Energieriesen Halliburton, bekannt, dass der Konzern seinen Hauptsitz von Houston (Texas) nach Dubai, in die Metropole der Vereinigten Arabischen Emirate, verlegen will. „Der Nahe und Mittlere Osten ist ein Markt, der sich stärker auf die Förderung und die Produktion von Öl konzentriert“, begründete Lesar auf einer Energiekonferenz im Königreich Bahrain diesen Schritt. „Ein Wachstum unseres Geschäftes dort wird dazu führen, dass das Gesamt-Portfolio von Halliburton ausgeglichener wird.“

Aus wirtschaftlicher Sicht mache die Eröffnung einer weiteren Zentrale im Mittleren Osten durchaus Sinn, urteilt Pierre Connor, Analyst bei der Investmentbank Capital One Southcoast. „Der Nahe und Mittlere Osten werden für die Ölindustrie zunehmend wichtiger, und es ist gut, dort eine solche Präsenz zu zeigen.“ Halliburton erwirtschaftete im vergangenen Jahr allein mit der Wartung von Ölfeldern 13 Milliarden Dollar, rund 38 Prozent davon stammten aus der Region. Bereits jetzt arbeitet dort jeder Dritte der insgesamt 45.000 Halliburton-Mitarbeiter. Er zieht mit nach Dubai: Halliburton-Chef David Lesar

Wie ernst das Unternehmen sein Engagement in den Vereinigten Arabischen Emiraten nimmt, zeigt ein ungewöhnliches Detail: Vorstandschef Dave Lesar selbst wird die Geschicke des Konzerns künftig von Dubai aus lenken.

Auch wenn das Unternehmen betont, dass es seinen Sitz in Houston beibehalten und als amerikanischer Konzern registriert bleiben wird: Von vielen Seiten hagelt es Kritik. „Wir glauben, dass dies ein weiterer Versuch von Halliburton ist, sich aus seiner Verantwortung zu stehlen“, sagt Charlie Cray, einer der Mitbegründer von Halliburton Watch, einer Organisation, die den Konzern seit Jahren an den Pranger stellt. Er fürchtet dabei jedoch weniger um die Steuerzahlungen des Konzerns, sondern um eine moralische Verantwortung: Cray spricht von „Verschleierung“ und „Täuschung“.

Crays Misstrauen gegenüber Halliburton kommt nicht von ungefähr: Seit Jahren macht der Konzern immer wieder negative Schlagzeilen. Aktuell laufen gegen Halliburton Untersuchungen des US-Justizministeriums und der US-Börsenaufsicht SEC – wegen Vorwürfen von unzulässigen Geschäften, unter anderem im Irak , in Kuwait und Nigeria.

Zentrale Figur ist dabei immer wieder Richard „Dick“ Cheney , der amtierende amerikanische Vize-Präsident. Er leitete Halliburton von 1995 bis 2000, bis heute stehen sich das Unternehmen und das Weiβe Haus nahe. So war Halliburton der gröβte amerikanische Auftragnehmer im Irak. Der Konzern erhielt unter anderem den Zuschlag für einen 16 Milliarden Dollar schweren Auftrag, die amerikanischen Truppen dort zu unterstützen.

Kritiker werfen dem Konzern jedoch nicht nur vor, dass er solche Verträge unter der Hand – also ohne öffentliche Ausschreibungen – erhalten habe. Halliburton steht zudem im Verdacht, gegenüber der US-Regierung deutlich mehr abgerechnet zu haben, als tatsächlich an Kosten angefallen sei – und den Rest in die eigene Tasche gesteckt zu haben. Inzwischen hat das Unternehmen eine umfassende Restrukturierung angekündigt: Noch in diesem Monat soll die Tochtergesellschaft Kellogg Brown & Root (KBR) abgespalten werden, die für die Erfüllung solcher militärischer Aufträge zuständig war.

Selbst dies wird die Vorwürfe des Vaterlandsverrates aber wohl kaum verstummen lassen: „Immerhin haben die amerikanischen Soldaten und Steuerzahler jahrelang die Zeche gezahlt für all diese überteuerten Aufträge und Rechnungen“, empört sich Senator Patrick Leahy.

Solche Vorwürfe erhalten Nahrung durch entsprechende Gerüchte. Doch während bei Standortverlagerungen ins Ausland oftmals steuerliche Gründe angeführt werden, scheinen diese bei Halliburton keine groβe Rolle zu spielen: „Natürlich hängt das letztendlich davon ab, wie das Ganze im Detail aussieht“, sagt Sam Batkins von der Lobbygruppe „National Taxpayers Union“. Er gibt jedoch zu bedenken, dass im US-Bundesstaat Texas, wo Halliburton bisher seine Zentrale hatte, weder eine personenbezogene Einkommenssteuer noch eine Körperschaftssteuer erhoben werden. „So gesehen ist Texas sehr wirtschaftsfreundlich“, sagt Batkins. Einkünfte unterliegen nur einer nationalen Einkommenssteuer – und da ein Sitz in Houston beibehalten werden soll, wird der Konzern nach Batkins Einschätzung auch durch den Umzug nach Dubai um diese Abgabe auch künftig nicht herumkommen. Batkins vermutet hinter der Entscheidung daher eher „geschäftspolitische Gründe“.

Diese Einschätzung teilt auch der Analyst Pierre Connor. Getreu dem Motto „Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht“ ist er sich aber sicher, dass die Halliburton-Manager Probleme haben werden, dies glaubwürdig zu vermitteln: „Das Problem bei einem Unternehmen wie Halliburton ist doch, dass keiner mehr glauben will, dass hinter manchen Entscheidungen keine böse Absicht, sondern schlicht und einfach Geschäftskalkül steckt.“

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