Die BBC hat um ein Interview gebeten. Ein russischer Reporter auch. Isolde Saalmann stöhnt genervt. Sie hat Schnupfen und Fieber und jetzt auch noch das: Anfragen, Anrufe und eine Flut E-Mails aus aller Welt. So berühmt ist nur ein niedersächsischer Abgeordneter vor ihr geworden: Gerhard Schröder. Der wurde Bundeskanzler. Isolde Saalmann hat dagegen nur einen Antrag gestellt, bei dem sie sich nichts gedacht hatte, sagt sie. Seitdem ist sie international bekannt.

Sie wollte den "Braunschweiger Fluch" beenden, der seit 75 Jahren auf der Stadt lastet. Am 26. Februar 1932 ernannte Braunschweig Hitler zum Regierungsrat und erkannte ihm so die deutsche Staatsbürgerschaft zu. Als sich vor knapp zwei Wochen Hitlers Einbürgerung als deutscher Staatsbürger wieder jährte und der Erinnerungsreigen aufs Neue begann, stöhnten einige Braunschweiger. Ob denn Adolf Hitler nicht nachträglich die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt werden könne, fragten sie. Diese Forderung hörte Isolde Saalman nicht zum ersten Mal. Sie versprach zu prüfen, inwiefern man Hitlers deutsche Staatsbürgerschaft nachträglich annullieren kann. Damit würde Adolf Hitler staatenlos - die österreichische Staatsangehörigkeit hatte er schon 1925 abgelegt.

Das war Ende Februar. Isolde Saalmann wusste, dass Adolf Hitler selbst zum Mittel der Ausbürgerung griff, um Gegner loszuwerden. Sie wusste auch, dass ihr Vorstoß vermutlich erfolglos bleiben würde, weil die deutsche Staatsbürgerschaft niemandem, der nur Deutscher ist, aberkannt werden kann - schon gar nicht Toten. Isolde Saalmann besprach die Idee mit Kollegen aus der Fraktion. Die rieten ihr ab: Warum wolle sie ihre Zeit mit so kleinen, unwichtigen Themen verschwenden?

Ja, warum? "Ich wollte ein für alle Mal das Thema beerdigen." Mit einem Ergebnis wäre die Sache geklärt und nie wieder hätte jemand diese Idee ins Spiel gebracht, sagt Saalmann. Sie schickte eine Anfrage an den parlamentarischen Gesetzgebungs- und Beratungsdienst. Für Saalmann ein kleines Thema, um das sich endlich mal jemand kümmert. Ein normaler bürokratischer Vorgang wie jeder andere auch. Für andere war es mehr als das. Zeitungen zitierten sie, dass sie die Annullierung von Hitlers deutscher Staatsbürgerschaft "als symbolischen Schritt" sehe. Selbst die Bild -Zeitung berichtete.

Als Isolde Saalmann am Samstag ihren Rechner einschaltete, war ihr Posteingang voll. Am Nachmittag hatte Spiegel Online über ihren Vorstoß berichtet. Der Artikel wurde ins Englische übersetzt und sorgte innerhalb kürzester Zeit für internationale Furore. Noch am gleichen Abend erreichten sie über 180 E-Mails. Als sie ihren Account öffnete, war ihr erster Gedanke: "Ach du großer Schreck." Eine wütende Mail nach der anderen. Sie wolle die Geschichte umschreiben. Sie sei eine Verharmloserin. "Das ausgerechnet mir vorzuwerfen, einer Sozialdemokratin!", empört sich Saalmann. Einige mutmaßten, dass sie nur nach öffentlicher Aufmerksamkeit heische. Einer schrieb: "Ihr Politiker, ihr verschleudert doch nur unser Geld mit solchen Geschichten." In ihren 13 Jahren als Landtagsabgeordnete hat sie nichts Vergleichbares erlebt.

Doch es war erst der Anfang. Bis heute reißt die Flut an Briefen und Mails nicht ab, das Telefon klingelt pausenlos. Isolde Saalmann versteht die Aufregung nicht, sie fühlt sich missverstanden. Ja, sie habe von einem "symbolischen Schritt" gesprochen - aber für Braunschweig! Damit sich die Stadt endlich von ihrem Trauma befreien könne. Aber hätte sie sich nicht denken können, dass ein solch absurder Vorschlag für Wirbel sorgt? Ja, sie sei naiv gewesen. Am liebsten würde sie alles rückgängig machen.

Doch die Anfrage liegt beim parlamentarischen Gesetzgebungs- und Beratungsdienst. Ein ganz normaler bürokratischer Vorgang. Bis sie bearbeitet wird, werden Wochen vergehen. Das Ergebnis wird nicht überraschen, "das Trauma von Braunschweig" das alte bleiben. Jetzt lastet es auch auf Isolde Saalmann.