Verbrechen lohnen sich. Jedenfalls im deutschen Fernsehen. Kaum ein Format beschert den Senderchefs, ganz gleich ob öffentlich-rechtlich oder privat, derart konstant hohe Quoten. Sex sells ? Nein, tatsächlich ist Mord der Verkaufsschlager. Täglich könnte man rund 19 Stunden lang Mord und Totschlag konsumieren. Das Format verfügt damit über die mit Abstand meiste Sendezeit im fiktionalen Angebot, weit vor den zweitplatzierten Komödien und Sitcoms.

Die deutsche TV-Krimiindustrie, Drehbuchschreiber, Regisseure und Programmplaner, erfreut der große Zuspruch. An diesem Wochenende haben sie sich in Wiesbaden zum alljährlichen Fernsehkrimifestival getroffen. Ganz geheuer ist ihnen das ungebrochene Wachstum ihrer Branche aber nicht. Ruth Blaes, Geschäftsführerin der ARD/ZDF-Medienakademie, etwa sagt: "Jedes Jahr denken wir, dass der Boom abebben müsste, aber stattdessen geht es immer weiter."

Quiz kommen, Talkshows gehen, Krimis bleiben. Woher rührt diese Popularität? Klaus Peter Wolf zählt zu den erfolgreichsten Krimi-Drehbuchautoren des Landes. Er trägt einen Rauschebart und ein geflochtenes Zöpfchen. Er hat zahlreiche Tatort - und Polizeiruf 110 -Folgen erdacht. Nach Wolf sind es zwei zentrale Elemente, die den Krimi so faszinierend machen, die grundlegender nicht sein könnten und die im Krimi in Widerstreit geraten: das Gute und das Böse.

Die anspruchsvolle Aufgabe eines Krimiautor sei, sagt Wolf, das Böse nicht nur faszinierend, sondern auch nachvollziehbar zu machen. "Der Zuschauer muss Momente haben, in denen er sich denkt: ‚Hey, das hätte mir auch passieren können.’ Er muss den potenziellen Mörder in sich selbst spüren." Nicht Geldgierige, Sadisten oder Perverse sind es, die Wolf interessieren, sondern die Gefühle, Umstände und Taten, die einen "normalen" Menschen zum mordenden Unmenschen machen können. Gelingt einem das, sei man als Drehbuchautor schnell in der Tatort -Liga angelangt.

Noch wichtiger für die Zuschauerbindung, auch trivialer, ist das widerstreitende Prinzip des Guten. Weniges bedient das menschliche Grundbedürfnis nach Gerechtigkeit so stark wie ein rechtschaffener Krimi. Am Ende wird der Fall in aller Regel gelöst, der Verbrecher muss sühnen. Eine symbolisch ins Wanken gebrachte Ordnung wird dank des konsequenten Aufklärungswillens des Ermittlers binnen 45 oder 90 Minuten wieder in Ordnung gebracht.

Karl Prümm, Medienwissenschaftler an der Universität Marburg, nennt diese Funktion des Krimis "Tröstungspotenzial". Nicht dass Krimis Verbrechen zeigen, sondern dass sie diese restlos aufklären, würde das Genre so beliebt machen, sagt Prümm. Der Krimi erfülle damit die gleiche reinigende Ritual-Funktion wie es Aristoteles schon für die Tragödie in ihrer klassischen Form feststellte, nur seien die meisten Krimis ungleich spannender.

Bei einer solchen Vielzahl an Krimis und dem immer gleichen, erwartbar guten Ausgang – besteht da nicht die Gefahr, dass sich auf der Produktseite schematisierte Typen und Textbausteine herausbilden und dass geübte Seher das Format durchschauen? Wie oft hat man nicht schon einen Kommissar nach Tatzeit oder Alibi fragen hören, wie viele Bekenntnisreden des Täters sah man schon, in denen er, ganz am Ende, seine Gefühle und Motive offenbarte, kurz bevor er dann an seinem finalen Mord gehindert wird?