In Hansa-Trainingshose, Regenjacke und mit schwarzer Pistole steht der Platzwart im Ostseestadion. Sieben Uhr, drei Grad. Auf den Sitzen liegt kalter Tau, hinter der Ostkurve geht die Sonne auf. Seine rechte Hand führt die Pistole in die Luft: "Peng".

"Jetzt fliegen sie hoch, warten bis der dumme Platzwart weg ist und setzen sich wieder hin", sagt Dieter Schneider, der Platzwart. "Peng", ein zweiter Schreckschuss aus der Pistole. Schneider schießt oft auf Krähen. Nicht direkt, die Tiere stehen unter Naturschutz. Der Platzwart schießt jeden Morgen. Die schwarzen Biester sammeln sich im Ostseestadion, fliegen zu den Trainingsplätzen des FC Hansa und hacken den Rasen kaputt.

"Vielleicht sind die Krähen momentan unser größtes Problem." Stefan Studer schaut vom Büro auf den Trainingsplatz. Der Manager lacht über die eigenen Worte. Es ist unlogisch, Chef beim FC Hansa zu sein und keine anderen Probleme zu haben als schwarze Vögel. Die Hansa-Kogge kämpfte schon immer mit Gegenwind: Zu Vorwendezeiten fehlten den "Fischköbben" immer ein paar Tore, um die Nummer eins der DDR zu sein. Direkt nach der Wende, zum Start der ersten gesamtdeutschen Bundesliga besiegten die Rostocker Nürnberg mit 4:0, demütigten als Tabellenführer den FC Bayern mit 2:1 und fertigten Dortmund 5:1 ab. Die Fans grölten: " Hansa forever number one ". Am Saisonende stieg Rostock ab. Es folgten zwei Jahre Zweite Liga, Aufstieg, ein Jahrzehnt Erstklassigkeit und im Jahr 2005 der erneute Abstieg.

Heute, am Tag vor dem ersten Rückrundenspiel, hängt der Himmel grau über dem Ostseestadion, doch die Aussicht von Hansa ist rosig. In der gesamten Hinrunde verlor das Team von Frank Pagelsdorf kein einziges Spiel. Hansas Abwehr war die sicherste im deutschen Profifußball. "Das Wort Angst zählt nicht zu unserem Sprachgebrauch", sagt der Trainer in Pressemikrofone, ohne mit der Wimper zu zucken. Ist der FC Hansa auf direktem Weg in die Erste Liga? Manager Stefan Studer zögert mit der Antwort.

Mit grauem Rollkragenpullover und Brille sitzt er an seinem Schreibtisch. "Ich denke, wir sind auf dem richtigen Weg." Der Bankkaufmann spielte vor einigen Jahren selbst für Rostock. Spitzname: Professor. An Hansa hängt sein Herz. Wenn er spricht, drückt er sich gewählt aus: "Neues Stadion, Geschäftsstelle, Jugendinternate, wir liefern solide Arbeit mit hanseatischer Gelassenheit ab." Das große Geld kann man in Rostock nicht machen. Aber gute Spieler: Nach Streich, Doll, Jancker, Akpoborie, Neuville, Barbarez und Rehmer heißen die neuen Stars: Gledson, Langen, Bülow, Yelen, Stein, Shapourzadeh. Manager Studer meint, der Verein passt zur Region und die Region passt zum Verein. Bezogen auf die erste Mannschaft heißt das weniger gewählt: "Die Jungs sind nicht überkandidelt, die bekommen hier nichts gepudert." Auf einmal schreckt der Professor auf. "Oh nein", raunt er mit bösem Blick. Er meint die Krähen.

Draußen vor dem Fenster läuft der Platzwart über den Rasen. Dieter Schneider bereitet die Tore fürs Abschlusstraining vor. Kurz vor elf laufen sie an ihm vorbei: Pagel, Paule, Gleddi, Rydle, Schobi und die anderen. Der Platzwart meint, man spürt es. Er meint die gute Stimmung in der Mannschaft. Die Männer klatschen ab. Dann wird trainiert.

Wie ein Fels steht Frank Pagelsdorf am Ende der Mittellinie, Basecap im Gesicht, Hände im dicken Anorak. "Ihr könnt auch hochspringen", brüllt der Trainer durch den kalten Regen. Wie bei jedem Training und Wetter stehen am Zaun vor dem Platz ein paar Fans. Sie glauben, "der Pagel muss hier aus Scheiße Bonbons machen". Einige Spieler seien nicht mal zweitligatauglich. Unter blau-weißen Regenschirmen beobachten die Hartz-IV-Empfänger die Profis. "Ich hab mal nachgerechnet", sagt der eine, "in der Rückrunde reichen uns fünf Niederlagen, fünf Unentschieden und sieben Siege für den Aufstieg." - "Fußball ist kein Eiskunstlaufen, Punkte interessieren nicht", erwidert ein anderer. Und ein Dritter: "Ach, wir können doch nur froh sein, dass wir überhaupt noch Profifußball haben." Alle nicken. Wo Geld fehlt, erwartet man keine Wunder.