Das Internet gilt in Russland mittlerweile als Medium mit der größten Freiheit. Die landesweiten Fernsehsender unterliegen der direkten oder indirekten Staatskontrolle und verbreiten vor allem das Opium des tadellosen Putinismus unter das Volk. Die Radiostation "Echo Moskwy" darf als Alibi-Sender allein ihr Reservat des kritischen Journalismus pflegen. Sogar die lange Zeit vergleichsweise freie Presse erlebt seit gut einem Jahr Verlagsübernahmen und Aufkäufe durch den Staatskonzern Gasprom oder Kreml-ergebene Oligarchen.

Demgegenüber gab es in der Ära des Ru.net bisher keinen erfolgreichen Versuch, eine Website zu schließen. Die Suchmaschinen von yandex.ru oder rambler.ru kennen keinerlei Einschränkungen. Das Bestreben nach einer grundsätzlichen Zensur begleitet das Internet seit Jahren als Gerücht oder politisches Kulissengerede - bisher ohne einschneidende Folgen.

Dennoch ist das Internet nur im Prinzip frei. Zum einen kann der Geheimdienst FSB den gesamten Mailverkehr ohne Billigung eines Richters oder Staatsanwalts lesen und alle Internetaktivitäten Einzelner in Echtzeit verfolgen. Vor sieben Jahren mussten die Provider auf eigene Kosten die nötigen Apparaturen und Kabelanschlüsse für die Überwachung anschaffen. Eine Garantie dafür, dass gesammeltes Wissen nicht zur Wirtschaftsspionage, Erpressung oder politischen Verfolgung genutzt wird, gibt es nicht. Seit 2006 müssen russische Provider auf Wunsch des FSB außerdem die persönlichen Daten ihrer Nutzer überprüfen und weitergeben sowie auf Anordnung den Zugang zu Seiten mit extremistischem Inhalt schließen. Was als extremistisch gilt, ist bewusst schwammig gehalten.

Wer sich widersetzt, dem droht Lizenzentzug. Denn in Russland herrscht das chinesische Modell der staatlichen Lizenzierungspflicht für jede Dienstleistung, die den Zugang zum Internet herstellt. Die Provider können durch ihre Abhängigkeit kontrolliert und unter Druck gesetzt werden. Als sich ein kleiner Provider in Wolgograd der flächendeckenden Überwachung durch den FSB entziehen wollte, wurde er geschlossen und mit Gerichtsverfahren überhäuft.