Als 1998 der konservative Stadtrat Alberto Jiménez Becerril und seine Frau in Sevilla von der ETA erschossen wurden, brach José Ignacio de Juana Chaos im Gefängnis in Jubel aus. »Ich liebe die von Leid gezeichneten Gesichter der Angehörigen auf den Beerdigungen. Ihre Tränen sind unsere größte Freude!«, schrieb der Terrorist der baskischen Untergrundorganisation damals. Er wandte sich damit auch an die beiden kleinen Kinder des Ehepaares, die der Anschlag zu Waisen gemacht hatte.Juana Chaos, ein ehemaliger Polizist, der zu einem der brutalsten Killer der ETA wurde, saß seinerzeit bereits elf Jahre hinter Gittern. Wegen der Ermordung von 25 Menschen, unter ihnen 17 Polizisten, war er zu 3000 Jahren Haft verurteilt worden. Davon hätte er nach spanischem Recht 30 absitzen müssen, doch wegen guter Führung verringerte sich die Strafe auf 18. Kurz vor seiner Entlassung wurde er jedoch erneut verurteilt, wegen Verherrlichung des Terrorismus in zwei Artikeln für eine radikale Baskenzeitung.Aus Protest trat der heute 51-Jährige in den Hungerstreik. Während er im Krankenhaus zwangsernährt wurde, gab der Oberste Gerichtshof einem Einspruch gegen das zweite Urteil statt und setzte es erheblich herunter, so dass Juana Chaos letztendlich noch eineinhalb Jahre Gefängnis verblieben. Doch er führte den Hungerstreik fort, um seine Freilassung zu erreichen. Er wog inzwischen nur noch 54 Kilo, die Ärzte sahen akute Lebensgefahr.Am 115. Tag des Hungerstreiks traf Ministerpräsident José Luis Rodríguez Zapatero die unpopulärste und umstrittenste Entscheidung seiner bisherigen Amtszeit: Obwohl der Terrorist nie Reue gezeigt hat, gewährte er ihm die Entlassung aus der Haft. Juana Chaos, bei den Separatisten als »politischer Gefangener« zur Symbolfigur avanciert, darf die Strafe daheim unter Hausarrest verbringen. Der 51-Jährige wurde von Madrid in ein Krankenhaus ins Baskenland gebracht. Bei der Ankunft wurde er von Hunderten Sympathisanten wie ein Held gefeiert - und wirkte plötzlich nicht mehr so entkräftet: Er sprang von der Bahre und ging eigenen Fußes in das Hospital.Für die Verbände der Terroropfer ist die Entscheidung eine Ohrfeige, und auch die konservative Opposition macht gegen die Regierung mobil. Erstmals rief die Volkspartei (PP) die Bevölkerung direkt auf, gegen den Sozialisten Zapatero auf die Straße zu gehen. An diesem Samstag ist in Madrid eine Großdemonstration geplant. Erste Proteste gab es bereits am vergangenen Wochenende. In Madrid wurde Zapatero als »Faschist« beschimpft, nahe der Hauptstadt wurde eine Parteibüro seiner Sozialistischen Partei (PSOE) mit Brandsätzen angegriffen. Das Ermua-Forum, eine einflussreiche Anti-ETA- Initiative, rief zur »Rebellion gegen die Regierung« auf.Zapateros Kritiker sehen in der Hafterleichterung für Juana Chaos einen Kniefall vor der ETA. »Erstmals in 30 Jahren Demokratie hat sich eine spanische Regierung der Erpressung einer Terrorbande gebeugt. Eine solche Regierung hat unser Land nicht verdient«, sagte Oppositionsführer Mariano Rajoy. Er ist überzeugt, dass Zapatero mit der Entscheidung die Tür für neue Verhandlungen mit der ETA aufhalten will, nachdem der von ihm eingeleitete Friedensprozess vor zwei Monaten gescheitert war.Zapatero macht hingegen humanitäre Gründe geltend. Ein Rechtsstaat müsse auch das Leben eines Terroristen schützen. »Mit Angst oder Schwäche hat das nichts zu tun.« Zwischen den Zeilen ist mehr zu lesen: Auf keinen Fall wollte die Regierung zulassen, dass Juana Chaos zum Märtyrer wird und sein Tod eine neue Welle des ETA-Terrors auslöst.Dass die Regierung drei Monate vor den Kommunal- und Regionalwahlen dafür einen hohen politischen Preis zahlt, ist ihr bewusst. »Uns ist klar, dass unsere Entscheidung Unsicherheit verursacht, aber wir müssen die Konsequenzen tragen«, sagte Vizeregierungschefin María Teresa Fernández de la Vega. Der PP warf sie Heuchelei vor, denn auch unter Zapateros Vorgänger José María Aznar hatte es Hafterleichterungen für ETA-Terroristen gegeben.Während Juana Chaos im Gefängnis saß, starb seine Mutter. Bis zu ihrem Tod wurde sie paradoxerweise von der Witwe eines Offiziers gepflegt, der von der ETA erschossen worden war. Der Sohn dieses ermordeten Militärs heiratete übrigens später die Baskin Altamira Juana - die Schwester des ETA-Killers.