Vier junge Musiker aus der schottischen Provinz erleben gerade ein Popmärchen: "Als ich meine Mum anrief, wollte sie es erst gar nicht glauben: von null auf Platz eins in den britischen Charts. Das machte sie mächtig stolz. Dabei war sie so skeptisch, als ich meine Maurer-Lehre hingeschmissen hatte." Kyle Falconer ist der Sänger von The View. Seine Band hat es bis ganz nach oben geschafft – mit einer Musik, die einst The Who oder The Kinks spielten. Seit den Sechzigern gilt zackiger Gitarrenrock mit rasanten Tempowechseln als typisch britisch.
Hören Sie hier "Face For The Radio" von The View.

The Clash und The Jam schrien den Britrock als Punk heraus, Oasis und die Arctic Monkeys rotzten ihn dahin, Franz Ferdinand verpackten ihn in heißkalte Achtziger-Jahre-Ästhetik.
An Selbstbewusstsein fehlt es auf der Insel nicht. Jedes Jahr kommen unzählige junge Bands, die an die Spitze wollen. Sie heißen Fratellis, Klaxons oder The View.

Der Drang ins Scheinwerferlicht schafft einen profitablen Markt, der ehrgeizige Mitstreiter vom Kleinstadt-Pub bis in die ehrwürdige Royal Albert Hall nach London führen kann. In England ist die Popindustrie wichtiger als die stahlerzeugende, nirgendwo sonst werden pro Kopf so viele E-Gitarren verkauft, kein anderes Land verfügt über eine einflussreichere Musikpresse. Besonders verdiente Popstars werden von der Queen mit einem Orden behängt oder zum Ritter geschlagen.

The View begannen als Coverband. "Wir spielten nach, was im Pub an der Ecke lief", erzählt der 19-jährige Kyle Falconer. Dort hat sich der Sound von The Clash oder den Sex Pistols in die britische Volksmusik eingeschrieben, dem Debütalbum der jungen Schotten hört man die Einflüsse deutlich an. Neues schaffen The View durch die Variation des Bekannten, vorgetragen mit der handelsüblichen Energie pubertierender Möchtegernstars. Das machen sie wirklich gut.

Ihre Platte Hats Off To The Buskers ist sehr erfolgreich, also schickt sie die Plattenfirma Sony BMG auf Werbetour um die Welt. Alle sollen die neue Rocksensation alsbald kennen lernen – morgen könnte ja alles schon wieder vorbei sein. Daran will Kyle Falconer gar nicht denken. Im Popbewusstsein Englands scheint es kein "Danach" zu geben. Nur selten gehen die Jubelmedien der Frage nach, was aus all den Musikern geworden ist, die noch jüngst von den Titelblättern grinsten, es aber dennoch nicht geschafft haben.

Da wäre zum Beispiel die amerikanische Band The Bravery, die vor drei Jahren ins Vereinigte Königreich gekommen war, um hier ihre Karriere zu begründen. 2005 führten die fünf New Yorker die Talent-Rangliste der BBC an, die auf dem britischen Popmarkt eine Art Leitindex für lohnende Investitionen in das "nächste große Ding" ist. Es setzte ein Bieterwettkampf unter den großen Plattenfirmen ein. Universal machte das Rennen, die Hype-Maschine schnurrte. Die britische Musikzeitschrift New Musical Express brachte hysterische Titelgeschichten. Dann gingen The Bravery auf Tour und veröffentlichten ein Album, das weder Gefallen bei den Musikkritikern noch bei den Fans fand. Der Hype war vorüber. Ein Merkmal solcher (Miss-)Erfolgsgeschichten ist ihre Unberechenbarkeit. Allzu aggressives Marketing verstört die Zielgruppe der alternativen Fans.