Manipulieren, Schmeicheln, Lügen - all das kann also manchmal auch angebracht, nützlich sein, solange man es nicht übertreibt und anderen schadet. "Die Lüge ist auch ein essenzieller Bestandteil unserer sozialen Intelligenz", meint der Kabarettist Hildebrandt. Kinder fingen bereits mit dreieinhalb Jahren an zu lügen. Die ersten Geschichten der Schriftstellerin Elfriede Jelinek, so eine Anekdote, waren Lügengeschichten, um ihre Mutter zu besänftigen - die Täuschung galt der Autorin als Schutzschild.

"Was wir 'wirklich' nennen, ist doch längst schon ein Produkt aus ewigen Fälschungen", sagt Hildebrandt. Zum Problem wird die Lüge, wenn sie zu Machtzwecken benutzt wird. Wenn auch die Religionen die Wahrheitsliebe priesen, die Realität sah ganz anders aus: Päpste und Kleriker fälschten im Mittelalter und in der Neuzeit die Wahrheit ebenso unverblümt wie Kaiser und Könige - alle logen, ohne mit der Wimper zu zucken, ob zur Machterweiterung oder zur Steigerung des eigenen Images, mit der Wahrheit und dem Recht nahm man es nicht genau.

"Dicke Lügen wurden im Namen des Herrn verbreitet", betont Hildebrandt. Beispiel: Die Konstantinische Schenkung im 8. Jahrhundert. Dabei handelt es sich um eine von Papst Silvester I. gefälschte Urkunde, die ihm im Namen des Römischen Kaisers Konstantin I. die Oberherrschaft über Rom, Italien und die gesamte Westhälfte des Römischen Reichs zuspricht.

Ist vielleicht sogar ein Teil der Geschichte selbst erlogen? 300 Jahre Mittelalter eine Erfindung Kaiser Otto III? Eine gewagte These, hervorgebracht Anfang der 1990er Jahren von dem Historiker und Privatgelehrten Heribert Illig, der damit in der eigenen Fachwelt vorwiegend Spott erntete. Demnach wären die Jahre 614 bis 911 eine "Phantomzeit", wir lebten nicht im Jahre 2007, sondern erst im Jahre 1709. Otto habe mittels Zeitfälschung einen Mythos um sich und seine spektakuläre Herrschaft schaffen wollen. Auch der legendäre Karl der Große hätte in Wirklichkeit nie existiert. Er sei eine fiktive Gestalt, ersonnen von einer Fälschertruppe weltlicher und kirchlicher Provenienz.

Aber die Geschichte der Lüge wäre unvollständig, würde man sich nur mit den Täuschungen anderer befassen, schließlich wird man häufig durch eigene Schuld Opfer der Lüge. Die Selbsttäuschung sei fast noch schlimmer als die Täuschung gegen andere, sagte Kant: "Die Lüge kann eine äußere, oder auch eine innere sein. Durch jene macht er sich in Anderer, durch diese aber, was noch mehr ist, in seinen eigenen Augen zum Gegenstande der Verachtung und verletzt die Würde der Menschheit in seiner eigenen Person", schrieb der Philosoph der Aufklärung in seiner Metaphysik der Sitten von 1797.