Das Proletariat rottet sich ausnahmsweise mal nicht auf der Straße zusammen, es eilt in die Kulturetage des niedersächsischen Oldenburg. Der Liedermacher Hannes Wader, nach eigenem Verständnis "Sänger der kleinen Leute", ist in der Stadt. Gut 400 Leute kommen, sich seinen Auftritt anzusehen. Die Halle ist mehr als ausverkauft, viele müssen stehen und murren deshalb. Dabei stehen wirklich überall Stühle in engen Reihen, vor der Bühne, rechts der Bühne, links der Bühne.

Oldenburgs kleine Leute tragen Rollkragenpulli und Lederblazer. Väter sind hier mit ihren erwachsenen Söhnen, viele Männer um die Fünfzig, mit langen Bärten und Haaren. Auch der Wirt der vorletzten alternativen Kneipe am Ort ist da. Es sind auch viele junge Menschen im Publikum, kein Wunder in einer Stadt mit Universität, zumal wenn diese nach dem Friedensnobelpreisträger Carl von Ossietzky heißt.

In blauem Hemd und schwarzer Jeans betritt Wader die umlagerte Bühne. Ganz so, als sei er gerade zu Hause am Kamin aufgestanden, um mal eben zum Kühlschrank zu gehen. "Schön wieder hier bei euch zu sein", er lächelt und stimmt Heute hier, morgen dort an. Niemand klatscht oder grölt mit, erst am Ende des Stücks wird applaudiert. Wie angenehm.

Er steht allein auf der Bühne, kaum höher als das Publikum. Eine Gitarre hat er umgehängt, eine weitere steht bereit. Hinter ihm strahlen vier rote und zwei blaue Scheinwerfer, manchmal werden zwei orangefarbene hinzugeschaltet. Das ist alles an Effekt.

Wader leitet jedes seiner Stücke mit einer kurzen Anekdote ein, erzählt von der Entstehung der Texte und den Reaktionen, die sie hervorrufen. Er singt über einen Weißdornbusch in der Nähe seines Hauses in Mittelholstein. Im Text gibt er eine exakte Wegbeschreibung dorthin, "das soll nicht heißen, dass ihr dann bei mir klingelt". Wenn man sich dort zufällig träfe, wäre das aber vollkommen in Ordnung. Und Der hölzerne Brunnen , warum heißt der eigentlich so? Außenrum stehe ein dichter Wald, aber der Brunnen wäre ja ein Felsbrunnen. "Ist auch egal", beschließt er und singt drauflos.

Zupft er die ersten Töne eines älteren Liedes, klatschen immer einige erfreut. Die neuen Lieder kennen die wenigsten. Hannes Wader ist kein Künstler, bei dem sich am Tag der Veröffentlichung eines neuen Albums lange Schlangen vor Saturn bildeten. Mal angenommen heißt seine neuste Platte, von ihr spielt er nur wenige Lieder.