Sobald es um Comics geht, wird es kompliziert. Da überschlagen sich die Medien seit gut zwei Jahren mit Jubelstorys über die neue deutsche Bildgeschichte, doch der ökonomische Befund wird meist gleich mitgeliefert: Einen Markt für diese Art von Comic gibt es praktisch nicht. So groß die jugendliche Käuferschaft der diversen japanischen Manga-Serien ist, so ungemindert der Erfolg klassischer Serien wie Asterix , Lucky Luke oder Tim und Struppi – für den Comic-Nachwuchs fällt wenig ab. Ein PR-Experte müsste verzweifeln: Die Feuilletons liefern Lobeshymnen , selbst das mobil -Magazin der Deutschen Bahn widmet den deutschen Zeichnerinnen und Zeichnern einen langen Bericht, nur literarisch und künstlerisch ambitionierte Comics kauft deshalb noch lange keiner. Die Auflagen bleiben gering.

Auch wer über die Leipziger Buchmesse schlenderte, konnte sich die komplizierte Lage des hiesigen Comic-Markts leicht vor Augen führen. Untergebracht waren die Comic-Verlage in Halle 2, man musste sich erst an pädagogischer Literatur, Nachschlagewerken, Kinderbüchern und mehr oder minder obskuren Fantasy-Produkten vorbeiarbeiten. Literaturinteressiertes Publikum verirrte sich kaum hierher, stattdessen tobten sogenannte Cosplayer herum: Jugendliche, überwiegend weiblichen Geschlechts, die sich in die Kostüme ihrer verehrten Manga-Charaktere geschmissen hatten, in Netzstrümpfe und Umhang, mit Schwert, Ketten und Schmetterlingsflügeln. Was einen zwischen all der geschäftigen Tristesse des Buchmessenalltags für einen Moment belustigen hätte können, trieb selbst gutwillige Schlenderer in die Flucht.

Manche freilich mussten ausharren, weil sie hier ihren Stand hatten. Zum Beispiel der Reprodukt-Verlag, der seit über 15 Jahren autobiografische und experimentelle, formalistische und epische, gnadenlos komische und traurige, auf jeden Fall ausnahmslos lesenswerte Comics publiziert. In dem Berliner Verlag erscheinen neben wichtigen amerikanischen und französischen Bildgeschichten die Werke hiesiger Künstler, so etwa zuletzt die viel gerühmten Debütbände der Hamburger Zeichner Arne Bellstorf und Sascha Hommer und eine ganze Reihe von Heften und Alben der Berliner Markus (mawil) Witzel und Philip (fil) Tägert. Ohne das Engagement des Verlegers Dirk Rehm würde nicht nur der deutschen Szene ihr wichtigster Publikationsort fehlen. Rehm vermittelt der kleinen, aber begeisterungsfähigen Comicgemeinde immer neue Einblicke in das weite Potenzial und den Formenreichtum des Mediums.

Das diesjährige Frühjahrsprogramm zeigt sich gegenüber den letzten überraschend experimentell. Mit Anke Feuchtenberger und Martin tom Dieck sind zwei Protagonisten der Comicavantgarde vertreten, die das Medium in den neunziger Jahren hierzulande neu erfunden hatte. Tom Diecks querformatiges Album Der unschuldige Passagier , eine traumartig springende und befremdliche Erzählung in teils abstrakten, teils frappierend komischen kontraststarken Schwarz-weiß-Bildern, ist erstmals 1993 erschienen und gilt zu Recht als Klassiker der deutschen Comickunst. Anke Feuchtenberger, die ebenfalls Anfang der Neunziger mit grafisch hochentwickelten lyrischen Bildgeschichten bekannt wurde, liefert dagegen einen neuen Comic ab, den dritten Teil eines gemeinsamen Projekts mit der Schriftstellerin Karin de Vries: Die Hure H. wirft den Handschuh . Und auch die Sechshundersechsundsiebzig Erscheinungen von Killofer – eine Übertragung aus dem Französischen – präsentieren eine überraschend experimentelle grafische und erzählerische Variante des autobiografischen Comics. Inmitten all der öden Buntheit und Lautstärke, die in der Halle 2 vorherrscht, wirken diese reduzierten, schwarz-weißen Produkte nur umso kräftiger.

Dass sich ein Verlag wie Reprodukt in dieser Umgebung präsentiert, hat durchaus pragmatische Gründe: Ein Umzug zu den Kunstbüchern oder zu den literarischen Kleinverlagen läge nahe, hätte aber finanzielle Konsequenzen. Die Möglichkeiten, während der Messe Hefte und Bücher zu verkaufen, sind dort stärker reglementiert. Ohne diese Einnahmen aber sind die Standgebühren nicht zu bezahlen.

Dennoch, wie stets, ist es auch hier kompliziert mit den Comics. Denn so wenig das ambitionierte Programm der Berliner gemein haben mag mit den Artikeln verschiedenster Provenienz, die den Zuspruch der verkleideten Teenager finden, so wenig sollte man die Tradition des Mediums Comic vergessen: Es will unterhalten –auch Teenager.