Oskar Lafontaine präsentiert sich in diesen Tagen in allerbester Laune. Er lacht, er scherzt, er provoziert. Er nennt den RAF-Terroristen Christian Klar und den amerikanischen Präsidenten George W. Bush in einem Atemzug, weil beide für rechtswidrige Gewalteinsätze zur Durchsetzung politischer Ziele stünden. Er fordert das Recht auf politischen Generalstreik, weil das Volk in der Politik keine Lobby mehr habe. "Die neoliberalen Dogmen wanken", verkündet der Vorsitzende der Linksfraktion im Bundestag und frohlockt, die SPD trete nur deshalb für den Mindestlohn ein, weil er und seine Parteifreunde der Sozialdemokratie im Nacken säßen. Die Linkspartei habe die Gesellschaft wieder nach links gerückt, davon ist Oskar Lafontaine überzeugt, und auch davon, dass die Partei nach den Wahlen 2009 erneut dem Bundestag angehören wird.

Noch besteht die neue Linke jedoch organisatorisch aus zwei Parteien. An diesem Wochenende treffen sich die Delegierten von Linkspartei.PDS und WASG in Dortmund zu Parteitagen, um dies zu ändern. Sie tagen am selben Ort in zwei verschiedenen Hallen, um die Fusion endgültig auf den Weg zu bringen. Sie wollen einen Verschmelzungsvertrag verabschieden, eine Urabstimmung beschließen und sie werden zum Vereinigungsparteitag am 15. und 16. Juni in Berlin einladen. Dort soll dann das Duo Oskar Lafontaine und Lothar Bisky an die Spitze der neuen Partei "Die Linke" gewählt werden.

Doch bevor die Linke zu neuen organisatorischen Ufern aufbricht, wird sie in Dortmund einmal mehr ein altbekanntes Schauspiel aufführen. Im Schnelldurchlauf werden beide Parteien am Samstag alle Konflikte der Linken seit dem Revisionismusstreit zwischen Kautsky und Bernstein vor 110 Jahren durchdiskutieren: Regierungsbeteiligungen, Militäreinsätze, Demokratischer Sozialismus, die Trennung von Amt und Mandat oder die Frauenquote. Keine Grundsatzfrage der Linken wird in Dortmund ausgelassen. Jeweils etwa 300 Änderungsanträge zu den programmatischen und organisatorischen Eckpunkten der Fusion liegen den Delegierten vor. Am Samstag müssen alle abgearbeitet werden. Damit nicht genug. Weil nur jene Anträge im Sinne des Fusionsprozesses als verabschiedet gelten, die von beiden Parteitagen unterstützt werden, geht es dann Sonntag früh noch einmal von vorne los, jeweils in der anderen Halle.

Allein organisatorisch wird es nicht einfach werden, in Dortmund den Überblick zu behalten, von den Inhalten ganz zu schweigen. Ein wenig machen die Parteiführungen dabei den Eindruck, als sei es vollkommen egal, was programmatisch von den Delegierten beschlossen wird - frei nach dem Motto: Hauptsache die Fusion kommt, alles andere klären wir später. Dabei sind viele Anträge von großem gegenseitigen Misstrauen geprägt. So stören sich viele PDS-Mitglieder an den Vorrechten, die den Wessis in der neuen Partei eingeräumt werden. Die WASG darf zum Beispiel im ersten Parteivorstand die Hälfte aller Sitze beanspruchen, obwohl sie nur etwa ein Sechstel der Mitglieder in die Fusion einbringt. Beim Delegiertenschlüssel für Parteitage werden die westdeutschen Landesverbände durch "Wessiquoten" noch zehn Jahre lang bevorzugt. Innerhalb der WASG ist hingegen bezüglich des Fusionspartners von einer "Fixierung auf die parlamentarische Arbeit" die Rede. Manch ein Westlinker ist zutiefst davon überzeugt, entscheidende Teile des Partners betrieben eine Politik, die dem Programm der WASG widerspreche.

Es ist nicht zu übersehen: Die politischen und kulturellen Gegensätze zwischen beiden Parteien sind immer noch groß. Auf beiden Seiten hat die Basis Angst, ihre Identität zu verlieren. Trotzdem ist der Bundesgeschäftsführer der Linkspartei, Dietmar Bartsch, optimistisch, dass die beiden Parteitage reibungslos verlaufen werden. Programmatisch sollten sich diese auf Kernpunkte konzentrieren, hofft Bartsch. Der Verschmelzungsvertrag sei das "Pflichtprogramm", die inhaltlichen Debatten würden auch nach der Fusion weiter geführt. Immerhin räumt Bartsch programmatische Defizite ein. "Die Frage, was ist neu an der neuen Linken, haben wir noch nicht ausreichend beantwortet", sagt er.

Nach Ansicht von André Brie könnte sich dies jedoch als großer Fehler erweisen. Der Europaabgeordnete der Linkspartei, der seit 17 Jahren zu den strategischen Vordenkern der PDS gehört, übt deshalb harsche Kritik an der Art und Weise, wie die Fusion von Linkspartei und WASG vorbereitet wurde. Diese erfolge von oben statt von unten und ohne die notwendigen inhaltlichen Debatten. "Die Diskussionen über das Programm, über die Strategie und über die innerparteiliche Demokratie wurden im Fusionsprozess vernachlässigt", sagt Brie im Gespräch mit ZEIT online . Über die Zukunft Europas oder die Folgen der Globalisierung, über eine moderne linke Sozialpolitik oder über eine emanzipatorische Innen, Asyl- und Rechtspolitik gebe es "keine ernsthaften Diskussionen". Dabei würden sich dahinter "heftige programmatische Konflikte verbergen".

"Die PDS war da schon weiter", sagt Brie, programmatisch werde die Linkspartei durch die Fusion "um Jahre zurückgeworfen". Die Konsequenzen werde die neue Partei in Form innerparteilicher Auseinandersetzungen in den kommenden Jahren noch zu spüren bekommen, befürchtet der Europaabgeordnete. "Wir haben unsere Hausaufgaben nicht gemacht, und dafür werden wir einen bitteren Preis zahlen".

Tatsächlich hat die Linke schon jetzt viel von ihrem Elan, mit der sie im Bundestagswahlkampf 2005 gestartet war, wieder eingebüßt. Die Linkspartei verliert weiter an Mitgliedern, im vergangenen Jahr ist ihre Zahl noch um 1000 auf rund 60.000 gesunken. Die WASG hat zwar offiziell etwa 11.000 Mitglieder, aber die Zahl gilt als geschönt, um die Wessiquote in der fusionierten Partei nicht zu gefährden. Hinzu kommt, dass sich die Gewerkschaften sich nicht besonders für die neue Linke interessieren, auch Bewegungen wie Attac betrachten die Linksfraktion nicht als ihren parlamentarischen Arm.

Kein Wunder. Die 53-köpfige Bundestagsfraktion ist bislang kein Motor innerparteilicher oder gesellschaftlicher Debatten. Außer durch die Ablehnung der Rente mit 67, der Unternehmenssteuerreform oder durch ihr Nein zu Tornadoeinsätzen in Afghanistan ist sie bislang kaum aufgefallen. Lafontaine scheint damit zufrieden zu sein. "Heute vertritt die Linke das Programm der SPD von 1998", verkündet er stolz. Gelegentlich philosophiert er in Interviews sogar schon über die Beteiligung der Linken an einer Bundesregierung und nennt als Voraussetzung dafür eine Abkehr von Hartz IV, von der Rente mit 67 und von den Auslandseinsätzen der Bundeswehr. Aber irgendwie macht er dabei den Eindruck, als ginge es ihm vor allem darum, die Mitglieder jener Partei vorzuführen, der er selbst 39 Jahre lang angehörte und der er zwischen 1995 und 1999 vorstand.

Gerade wegen Lafontaine und seines Bruchs mit seiner alten Partei ist jedoch jede Zusammenarbeit oder gar Koalition zwischen der SPD und der Linken auf Bundesebene unvorstellbar, solange er an deren Spitze steht. Keiner der führenden SPD-Leute wird sich darauf einlassen. Denn zutief sitzt immer noch der Zorn selbst bei seinem ehemaligen linken Verehrern in der SPD darüber, wie er seinerzeit die Brocken hinwarf. Dieser persönliche Bruch ist wohl nie mehr zu heilen.

Auch Linkspartei-Stratege Brie ist überzeugt, dass 2009 an ein rot-rot-grünes Bündnis nicht nicht zu denken ist. Trotzdem oder gerade deshalb kritisiert er, es gebe in der Linkspartei und der WASG bislang keine strategische Debatte darüber, wie aus der linken Mehrheit in der Bevölkerung eine politische Mehrheit im Bundestag werden könne. "Wir sind gut im Widerstand leisten, aber nicht gut bei der Entwicklung programmatischer Alternativen." Auch werde in der Partei viel zu wenig darüber diskutiert, welche Kompromissfähigkeit der Linken im Falle einer Regierungsbeteiligung abverlangt würde. Zum Beispiel in Afghanistan. Dort müsse auch die Linke akzeptieren, dass die Deutschen Soldaten nicht einfach abgezogen werden könnten, ohne noch mehr Chaos und Gewalt zu hinterlassen.

Um ihre politische Verlässlichkeit unter Beweis zu stellen und die Grenzen ihrer Kompromissfähigkeit zu definieren, braucht die Linke allerdings gar nicht bis zum Hindukusch zu blicken. Schon im Herbst könnte der innerparteiliche Streit um die rot-rote Koalition in Berlin zur ersten ernsten Belastungsprobe für die Partei werden. Der rot-rote Senat wird in Folge des Berliner Bankenskandals durch Auflagen der EU dazu gezwungen, die Berliner Landesbank und die Berliner Sparkasse zu privatisieren.

Dabei ist nicht ausgeschlossen, dass eine Privatbank oder gar ein bei den Linken verhasster Hedgefonds zum Zuge kommt. Damit geriete das gesamte Sparkassenwesen in Deutschland insgesamt unter Druck. In der Linkspartei ist die Privatisierung umstritten. Zwar hat Lafontaine seine Äußerung vom "Lackmustest für linke Politik" auf Intervention des Berliner Landesverbandes mittlerweile relativiert. Trotzdem ist damit zu rechnen, dass dies für den designierten Vorsitzenden die rote Linie für Regierungsbeteiligungen sein wird.

Die Berliner PDS will in jedem Fall weiter regieren. Zur Rettung des Parteifriedens versucht sie deshalb zurzeit die Quadratur des Kreises: Sie will zwar garantieren, dass die Landesbank meistbietend verkaufen wird, wie es die EU vom Berliner Senat verlangt; gleichzeitig verspricht sie dafür zu sorgen, dass eine öffentliche Bank und kein Spekulant als Käufer zum Zuge kommt. Gelingt dies allerdings nicht, hat die Linke im Herbst ein riesiges Problem. Aber immerhin ist die Fusion dann vollzogen