Um die Antwort auf eine Frage, wann die Türkei Mitglied der Europäischen Union sein werde, machte die Bundeskanzlerin zwar einen weiten Bogen. Leider. Bedauerlich auch, dass die Türken, mit denen Beitrittsgespräche laufen, zu den Feierlichkeiten der Römischen Verträge in Berlin an diesem Wochenende nicht eingeladen wurden. Umso auffallender allerdings, wie dezidiert sich Angela Merkel in einem Interview, kurz bevor die ersten Staatsgäste eintrafen, auf ein anderes heikles Thema einließ. „In der EU selbst“, formulierte sie in ihrem Gespräch mit der Bild -Zeitung, „müssen wir einer gemeinsamen europäischen Armee näher kommen“. Soldaten des Eurokorps in Straßburg BILD

Näher erläuterte sie das nicht. Bemerkenswert ist der lakonische Satz dennoch. Ja, die Europäische Union muss tatsächlich an eine solche Europa-Armee denken, aus vielerlei Gründen. Vor allem: Wenn Europa Teil dessen werden will, was man heute „global governance“ nennt, gehört dazu zwangsläufig – wenn auch nicht in vorderster Linie – eine genauere Definition der europäischen Rolle in Sicherheitsfragen; und damit eben auch die Fähigkeit, im Zweifel mit militärischen Mitteln intervenieren zu können.

Um Missverständnisse zu vermeiden: Europas Stärke, die es noch lange nicht hinreichend geltend macht, muss zuerst seine mühsam erlernte, aber doch verinnerlichte Praxis des Aushandelns von Kompromissen, des Vermeidens von tödlichen Konflikten bleiben. Inzwischen stimmen selbst diejenigen in Lobeshymnen über die postnationalen Qualitäten des friedensstiftenden Kontinents ein, die noch bis vor kurzem Europa als „Venus“ belächelt oder verachtet haben, weil sie dem waffenstarrenden „Mars“ USA sozusagen als Marketenderin zur Seite stehen müsse oder untergehen werde.

Dennoch, nach so viel Spott über die „Schwäche“ der Europäer, die im Ernstfall – siehe Kosovo – immer nach amerikanischem Militär rufen müssten, liegt es nahe, dass sie sich allmählich auf eine solche Debatte einlassen. Bei einem Treffen der europäischen Sozialdemokraten vor einigen Monaten in Berlin plädierte bereits der SPD-Vorsitzende Kurt Beck für eine Europa-Armee, und viele Europäer stimmten zu.

Während eines Symposiums anlässlich seines 85. Geburtstages vor wenigen Tagen rückte Egon Bahr, der Architekt der Ostpolitik, den Gedanken einer gemeinsamen europäischen Armee gar ins Zentrum seiner sicherheitspolitischen Visionen. Unverhohlen bettete er den Gedanken allerdings ein in seine Leitidee von einem „selbstbestimmten Europa“. Das heißt für Bahr: Ein Europa, das sich nicht ablöst von der Supermacht USA, das aber eigene Interessen aus eigenen Kräften vertreten und für seine Sicherheit auch selbständig sorgen kann. Keine Atomwaffen auf dem Boden von Staaten, die nicht selbst darüber verfügen, ergänzte er den Gedanken. Im Wort vom „selbstbestimmten Europa“ verrät sich freilich auch das Problem.

So richtig es ist, dass auch die USA oft genug die Europäer zu größeren Verteidigungsanstrengungen aufforderten und auch von den Deutschen aktivere Beiträge bei Militärinterventionen – siehe Afghanistan – wünschen: Sobald Washington wittert, die Europäer wollten sich verselbständigen und eine eigene Säule in der Allianz bilden, läuten alle Alarmglocken. Nicht einmal eine informelle Verständigung der Europäer untereinander, bevor die Nato zusammentritt, wollen die Amerikaner dulden. Sie möchten uneingeschränkt Führungsmacht bleiben.