Natürlich nicht. Aber wie sieht der Ausweg aus? Die Rütli-Schule gibt da ein paar ganz gute Hinweise für die ersten Schritte und für die lange Perspektive: Erst mal Würde gewinnen. Zum Beispiel auch mit Rütli-Wear , der eigenen Modekollektion, die von Schülern entworfen, hergestellt und verkauft wird. Aus dem Stigma ein positiv aufgeladenes Zeichen machen! Ohne Stolz geht es nicht. Die Schule nicht mehr Hauptschule nennen, sondern einfach Schule, in diesem Fall Rütli-Schule. Das könnte der Anfang eines durchaus aussichtsreichen Weges sein, die Misere des zerklüfteten deutschen Schulsystems auf Umwegen zu überwinden.

Einzelne Schulen müssen dazu ermuntert werden, sich in Labore für pädagogische Ideen zu verwandeln - siehe Deutscher Schulpreis! Die vertrackte Debatte um Abschlüsse sollte aufgegeben und alles daran gesetzt werden, möglichste viele wertvolle Anschlüsse zu vergeben. Von jeder Schule! Die Politik sollte mehr auf die Intelligenz der pädagogischen Praxis setzen und die Wissenschaft sollte sich als nützliches Instrument zur Aufklärung eben dieser Praxis verpflichten.

Das alles geht natürlich nur, wenn Schüler und Lehrer glauben, dass in jedem etwas ganz Besonderes und Wertvolles steckt. Aber nicht nur die Schüler und Lehrer müssten an ihre Fähigkeiten glauben, auch die Gesellschaft und voran die Medien, müssen ihnen einfach mehr zutrauen und sie zugleich auch stärker herausfordern. Aber jemanden fordern kann natürlich nur, wer daran glaubt, dass im Anderen Talente stecken. Das wäre der anstehende Rütli-Schwur der Pädagogen.

Ein Empowerment der einzelnen Schulen wird nicht reichen, wenn nicht zugleich eine Entneurotisierung des gesamten Systems auf die Tagesordnung gesetzt wird. Die Neurose sitzt tief. Das merkt man in Gesamtschulen, deren Lehrer immer noch von „unseren Hauptschülern“ sprechen, von denen sie zu viele und von „unseren Gymnasiasten“, von denen sie natürlich zu wenig hätten. Immer noch werden dort die Kinder in Grundkurse und erweiterte Kurse, in A-, B- oder C-Gruppen „differenziert.“ Der tägliche Kampf um Auf- und Abstieg, um das Plus oder Minus auf der Stirn ist anstrengend und beschämend. Besucher aus anderen Ländern, die sich in eine deutsche Gesamtschule dieses Typs verirren, sind verwirrt von dem, was sie da sehen.

Andererseits: Dass die erfolgreichsten deutschen Gesamtschulen mit dieser Bundesligadifferenzierung, wie die Schüler sie nennen, gebrochen haben, zum Teil fast subversiv gegen ihre Schulaufsicht verstießen, die häufig durchgehen ließ, was sie eigentlich hätte verbieten müssen, ist ein anderes deutsches Kapitel. Und das nächste Kapitel hat damit begonnen, dass vier der fünf Schulen, die im Dezember aus der Hand des Bundespräsidenten den deutschen Schulpreis erhielten, solch mutige Gesamtschulen sind.

Zum Schluss ein Zitat: "Der Aufbau des deutschen Schulsystems betont den Klassengeist. Schon im Alter von 10 Jahren sieht sich das Kind eingruppiert oder klassifiziert durch Faktoren, auf die es keinen Einfluss hat, wobei die Einstufung fast unvermeidlich seine Stellung für das ganze Leben bestimmt. Diese Haltung hat bei einer kleinen Gruppe eine überlegene Haltung und bei der Mehrzahl der Deutschen ein Minderwertigkeitsgefühl entwickelt, das jene Unterwürfigkeit und jenen Mangel an Selbstbestimmung möglich machte, auf dem das autoritäre Führerprinzip gedieh." So hieß es am 25. Juni 1947 in der Direktive 54 des Alliierten Kontrollrates, die die Handschrift der Amerikaner trug. Ein Kapitel deutscher Schule, das wir immer noch nicht hinter uns haben.