Die Regierung in London befindet sich angesichts der eskalierenden Geiselsituation in einer wenig beneidenswerten Lage. Zwar bemühten sich die großen Parteien im Unterhaus bislang erfolgreich um Schulterschluss. Aber in Öffentlichkeit und Medien wird zunehmend Kritik laut - die Reaktion der Regierung Blair ist diesen Kritikern viel zu schlapp, verlangt wird eine härtere Gangart gegen die Kidnapper, ohne dass allerdings konkrete Vorschläge gemacht würden, wie dies auszusehen hätte. In Telefonaktionen der BBC und anderer Sender wird von erbosten Anrufern schon mal der Einsatz militärischer Mittel gefordert. Die schändliche Praxis des iranischen Regimes, die britischen Geiseln im Fernsehen zur Schau zu stellen und "Entschuldigungsbriefe" schreiben zu lassen, in denen sie der eigenen Regierung eine "interventionistische" Außenpolitik vorwerfen und zugleich ihre Schuld eingestehen, bringt das Blut vieler Briten in Wallung.

Auf der anderen Seite gibt es Stimmen, die mehr "Verständis" für Iran verlangen. Solcher Rat kommt unter anderem aus Chatham House, dem Royal Institut for Foreign Affairs, das damit, wie schon in der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg, seinen Ruf als eine Bastion des Appeasement , der Beschwichtigung, bestätigt. Der linksliberale Guardian listete am Wochenende eine lange Reihe kolonialer und postkolonialer britischer Sünden der letzten 100 Jahre gegenüber Iran auf, eine Übung in "white man’s guilt" - dem Schuldeingeständnis des Weißen -, die offenkundig dem Zweck dienen soll, Großbritannien in der aktuellen Krise als schuldige Partei abzustempeln.

Auf internationalem Feld macht London derzeit die schmerzliche Erfahrung, dass sich die Solidarität selbst des Westens in äußerst engen Grenzen hält. Allen voran spielt Europa eine ziemlich klägliche Rolle. Gewiss mangelte es nicht an Schelte für den Akt der Geiselnahme. Die Außenminister der EU verfassten am Wochenende ein solches Dokument. Aber wenn es eines Beweises bedurft hätte, dass den Europäern in aller Regel ihr Hemd, der lukrative Handel mit Iran, näher ist als der Rock, sprich Solidarität mit dem britischen Verbündeten, dann wurde der an diesem Wochenende geliefert. Krämergeist obsiegte. Deutschland und Frankreich dachten gar nicht daran, ihre lukrativen Geschäfte mit Iran zu gefährden. Bislang zeigte kein Land der EU die Bereitschaft, mit dem Einfrieren der Exportgarantien in Höhe von 14 Milliarden Euro zu drohen. Stattdessen waren Entschuldigungen zu vernehmen: Man müsse, so hieß es aus Paris, alles tun, um ein Konfrontation mit Teheran zu vermeiden; man dürfe, klang es aus Holland, den Gesprächsfaden nicht abreißen lassen.

Ist es da verwunderlich, wenn man sich in Washington ein bisschen Schadenfreude nicht verkneifen kann. Nach dem Motto, das habt ihr Briten nun davon, wenn ihr euch auf die Europäische Union und ihre vielgepriesene "soft power" verlasst. John Bolton, vormals Amerikas Botschafter bei der UN, sprach aus, was wahrscheinlich eine Menge Leute in der republikanischen Regierung denken: Er nannte Großbritanniens Reaktion auf die Geiselnahme "armselig" und empfahl als Gegenmittel "wirkungsvolle, schmerzhafte Sanktionen". Doch wie soll London die zustande bringen, wenn selbst die engsten Verbündeten nicht bereit dazu sind? Zumal es auch auf der weiteren internationalen Ebene an Unterstützung mangelt. Der Weltsicherheitsrat beließ es bei einer verwässerten Erklärung, weil Russland darauf gedrängt hatte. Dabei operiert die britische Marine im Schatt el-Arab auf der Basis eines Mandats der Vereinten Nationen.

London schien am Anfang eine sanfte Gangart ratsam, weil man die Hoffnung hegte, Hitzköpfe der revolutionären Garden hätten das Kidnapping inszeniert, ohne dafür von oben autorisiert worden zu sein. Die Hoffnung, durch ruhige Diplomatie und Kontakte hinter den Kulissen zu einer Lösung zu gelangen, hat man inzwischen fahren gelassen. Die Geiselnahme war offenkundig von langer Hand vorbereitet und vom Regime abgesegnet. Auch sollte man eines nicht übersehen: Die islamische Republik Iran besitzt eine gewisse Fertigkeit in der Kunst der Geiselnahme. In den vergangenen Dekaden wurden an die 1000 Geiseln genommen, entweder durch iranische Instanzen selbst oder durch Stellvertreterorganisationen wie Hisbollah. Die Briten können nur hoffen, dass ihren 15 Seeleuten nicht das Schicksal jener amerikanischen Geiseln blüht, die 1979 von "revolutionären" Elementen in der amerikanischen Botschaft in Teheran genommen und 444 Tage festgehalten wurden.

Manches hat sich seither verändert in Iran, aber rivalisierende Machtzentren existieren nach wie vor in der islamischen Republik. Auch ist noch immer ein wichtiger Faktor, wer physische Kontrolle über die gefangenen Briten besitzt. Versicherungen von moderater iranischer Seite bedeuten wenig, solange diese nicht den Schlüssel zu dem Ort besitzen, an dem sich die Geiseln aufhalten.