Algier - Es sind die folgenschwersten Anschläge in Algerien seit dem Zusammenschluss mehrerer nordafrikanischer Terrorgruppen zur länderübergreifenden Organisation al-Qaida des islamischen Maghrebs. Die radikale Islamisten-Gruppe hat sich nach Angaben des arabischen Nachrichtensenders al-Dschasira zu den Bombenanschlägen bekannt. Der Redaktion sei ein Bekennerschreiben der Gruppe zugespielt worden. 

Ministerpräsident Abdelaziz Belkhadem sprach von einer "feigen und kriminellen Tat zu einem Zeitpunkt, zu dem das algerische Volk die nationale Aussöhnung möchte". Ein Sprecher des Auswärtigen Amtes in Berlin sagte, es gebe keine Hinweise, dass sich unter den Opfern Deutsche befinden.

Elf Tote und 32 Verletzte gab es bei der Explosion einer Autobombe vor dem Regierungssitz in der Stadtmitte, darunter zwei Polizisten, eine schwangere Frau und zwei Kinder aus einem benachbarten Kindergarten. Das teilte der Minister für nationale Solidarität, Jamal Walad Abbas, mit. Der Attentäter hatte versucht, vor dem Gebäude, in dem das Innenministerium und das Büro von Ministerpräsident Abdelaziz Belkhadem untergebracht sind, eine Polizeisperre zu durchbrechen. Als ihn die Beamten gestoppt hätten, habe er seine Autobombe gezündet. Die Detonation war in ganz Algier zu spüren. Zahlreiche Krankenwagen waren im Einsatz, um die Verletzten zu versorgen.

Zwölf Tote und 50 Verletzte wurden nach einem Bombenanschlag auf eine Polizeistation im Ortsteil Bab Ezzouar gezählt. Augenzeugen berichteten, insgesamt seien drei mit Sprengstoff beladene Fahrzeuge explodiert. Das Polizeikommissariat wurde schwer beschädigt, ein Posten des staatlichen Strom- und Gasversorgers vollständig zerstört. In Bab Ezzouar befindet sich unter anderem die Universität für Wissenschaft und Technologie.

Regierungschef Abdelaziz Belkhamed sprach von "kriminellen und feigen" Handlungen und rief zur nationalen Versöhnung auf. Die Anschläge erfolgten zu einem Zeitpunkt, da das Volk nationale Versöhnung verlange, sagte er. Gemäß der im Februar in Kraft getretenen Charta zur nationalen Versöhnung können Islamisten, die ihre Waffen niederlegen und dem bewaffneten Kampf entsagen, mit einem Gnadenerlass des Präsidenten rechnen - vorausgesetzt, sie haben sich keine Morde, Sabotage- oder Terrorakte zuschulden kommen lassen.

Bei Gefechten zwischen mutmaßlichen Islamisten und Regierungstruppen in Ain Defla westlich von Algier waren am Samstag neun Soldaten getötet worden. Die Armee hat vor drei Wochen im Gebiet von Amizour in der Kabylei eine Offensive gegen mutmaßliche Mitglieder der bewaffneten Salafisten-Gruppe für Predigt und Kampf (GSPC) gestartet. Seit Anfang April wurden bei den Kämpfen mehr als 30 Menschen getötet, die Hälfte von ihnen Polizisten und Soldaten.

In der marokkanischen Wirtschaftsmetropole Casablanca suchte unterdessen nach Polizeiangaben ein großes Aufgebot an Sicherheitskräften nach etwa zehn "äußerst gefährlichen Terroristen", die bereit seien, sich selbst in die Luft zu sprengen. Der Suche war eine Polizeiaktion am Dienstag vorausgegangen, bei der sich drei Männer mit Sprengstoffgürteln in die Luft gesprengt hatten, nachdem die Polizei ihr Haus umstellt hatte. Ein vierter wurde erschossen, bevor er seinen Sprengsatz zünden konnte. Nach Ansicht eines marokkanischen Experten deutet vieles darauf hin, dass die Mitglieder der Gruppe einen Befehl des ägyptischen Al-Qaida-Vizechefs Aiman al Sawahiri befolgten, "sich lieber selbst in die Luft zu sprengen als der Polizei in die Hände zu fallen".

Frankreichs ranghöchster Anti-Terror-Ermittler Jean-Louis Bruguière hatte Mitte März vor der Bildung einer neuen Terrorismusfront in Nordafrika gewarnt. Nach seinen Worten bildete sich um die algerische GSPC ein "radikal-islamistischer Bogen" durch mehrere Länder der Region. Die GSPC hatte sich im vergangenen September dem Al-Qaida-Netzwerk angeschlossen und nennt sich seitdem al-Qaida des Maghreb. Diese Region umfasst neben Algerien und Marokko auch Tunesien, Mauretanien und Libyen.

Nach den Anschlägen auf der tunesischen Ferieninsel Djerba 2002, im marokkanischen Casablanca 2003 und am Dienstag ebenfalls in Marokko sind die Attentate in Algier schon der vierte schwere Angriff der Terrororganisation in den Maghrebstaaten.

Tote bei Razzia - Bei einer Razzia gegen islamische Extremisten sind in der marokkanischen Wirtschaftsmetropole Casablanca mindestens fünf Menschen ums Leben gekommen "

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