Kennen Sie das Gefühl, das sich nach einem Riesenschrecken einstellt? Wenn so langsam klar wird, dass alles doch nicht so schlimm ist? Große Erleichterung macht sich dann breit. Im Schock hat der Adrenalinstoß noch verhindert, dass man mögliche Schmerzen richtig wahrnimmt. Löst sich danach die Spannung, führt das Adrenalin zu einem ganz tiefen Glücksgefühl.

Nach besonders starken Adrenalinstößen fühlt man sich, als könne man Bäume ausreißen, sei zu allem in der Lage und nichts und niemand könne einen aufhalten. Diese Euphorie lässt die meisten Leute ihre guten Vorsätze vergessen, die sie im Moment des Schreckens gefasst haben. Sie werfen sie einfach über den Haufen. Unvorsichtiges, sorgloses Handeln? Sollte eigentlich nie mehr vorkommen. Riskante Unternehmungen? Davon wollte man doch Abstand nehmen - jedoch: Das Adrenalin macht alles vergessen.

Etwas ähnliches scheint derzeit an den Finanzmärkten zu passieren. War da nicht vor kurzer Zeit ein Mini-Crash ? Gingen nicht die Kurse kurz danach innerhalb weniger Tage nochmals in den Keller ? Und war nicht kurz vorher die Sorglosigkeit besonders groß? Ganz dunkel scheinen sich einige wenige Investoren noch daran zu erinnern: Als die Kurse im Keller waren, begann das Umschichten. Die Anleger flohen aus den riskanten Investments, die so stark nach unten gegangen waren, und suchten Schutz in defensivere Engagements.

Doch dann ging es schnell wieder nach oben. Kurz vor Ostern gab es an den Börsen sogar verfrühte Ostereier. Der Dax kletterte auf ein neues Rekordhoch, die Kurse stiegen durch die Bank. Einzelne Titel wurden durch Übernahmefantasien oder ähnliche Umstände gar besonders weit nach oben getrieben. Sie waren die besonders leckeren Marzipaneier, sozusagen. Den Optimisten kam gelegen, dass die Krise um die in Iran gefangenen britischen Soldaten doch nicht eskalierte. Die Aktienkurse stiegen noch ein bisschen mehr, der Ölpreis sank, es freute sich der Anleger Herz.

Die wenigsten Investoren trauen sich jedoch, antizyklisch zu agieren, also gegen den Markt. Wer das tut, verkauft in die Übertreibungsphase hinein und greift auch einmal beherzt zu, wenn die Kurse abstürzen. Die meisten Anleger verhalten sich genau umgekehrt. Das ist auch in der aktuellen Situation sehr schön zu sehen. Viele Börsianer haben den Abschwung noch voll abbekommen. Dann haben sie ihre Aktien gegen defensivere Titel eingetauscht - nur um nun festzustellen, dass ihnen die Kurse davonlaufen.

Bei diesen Aktionären kommt nun Ärger hoch. Es ist wie vor der Supermarktkasse: Man steht immer in jener Schlange, die am langsamsten vorankommt. Und kaum wechselt man die Kasse, sieht man seinen ehemaligen Hintermann lässig an sich vorbeiziehen. Ähnlich verhalten sich Anleger, die ständig den Märkten oder einzelnen Trends hinterherhecheln. Viele tun das, aber die wenigsten haben dauerhaft Erfolg damit - eher handeln sie sich dauerhaften Ärger ein.