4:2, 2:1, 1:0, 2:0. Die vier Meisterschaftsanwärter marschieren im Gleichschritt. München glücklich, Stuttgart souverän, Werder malochend, Schalke problemlos. Die Vorentscheidung wurde vertagt. Seit Jahren war das Bundesliga-Finale nicht mehr so spannend, noch sechs Spieltage bis zur Erlösung. Hoffnung und Enttäuschung, Glück und Trauer liegen eng beieinander, an der Spitze wie am Tabellenende, wo inzwischen sogar elf Teams der leidvolle Gang in die zweite Liga droht. Nur fünf Punkte liegen zwischen dem Siebten und dem Siebzehnten, zwischen Wolfsburg und Mainz.
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Das Drama nimmt also weiter seinen Lauf, und da stellt sich am Osterwochenende natürlich noch eine ganz andere Frage. Ist Gott ein Fußballfan? Und wenn ja, was für einer? Ist er ein Bayern-Fan, der Sebastian Schweinsteiger in Hannover beistand, damit dieser endlich seine Form wiederfinden konnte? Oder ist er Werderaner und hat Miroslav Kose eine Leidenszeit auferlegt, aus der dieser samt aller grün-weißen Herrlichkeit am 19. Mai errettet wird? Der Papst ist Ehrenmitglied beim FC Schalke, aber was sagt der weise Mann auf Wolke sieben dazu? Oder was sagt der liebe Gott zum VfB? Leben die Stuttgarter gottesfürchtig genug, um als Außenseiter allen Konkurrenten ein Schnippchen zu schlagen?

Zweifelsfrei bilden Fußball und Religion eine Glaubensgemeinschaft. In der Kirche singen die Gläubigen „Herr erbarme dich“, in den Fußball-Kathedrale klingt die Hymne „You'll never walk alone“. „Hosianna“ und „kreuzigt ihn“ heißt es hier wie dort. Daniel von Buyten zum Beispiel galt schon als Sündenbock für die ganze Malaise des FC Bayern in dieser Saison, bevor der Innenverteidiger am letzten Dienstag in der Champions League in Mailand zweimal den Ausgleich erzielte. Nun wird er an der Isar als Held, als Retter gefeiert.

Glück und Leid, Euphorie und Trauer: Nirgendwo werden sie so intensiv erlebt wie auf dem Platz. Der FSV Mainz 05 zum Beispiel wähnte sich schon gerettet, führte am Samstag in Wolfsburg zweimal, bevor Marcelino zuschlug. Jetzt stehen die Klopp-Jünger wieder auf einem Abstiegsplatz. Auch der HSV sah sich als beste Mannschaft der Rückrunde schon zurück auf der Erfolgsspur, bevor der VfB Stuttgart den Hamburgern mit vier Kopfballtoren die Grenzen aufzeigte.

Selbstüberschätzung zahlt sich nicht aus, Größenwahn bestraft der Fußballgott sofort. Da nützt es Hertha BSC Berlin gar nichts, dass es im Olympiastadion eine Kapelle gibt, in der sich die Fußballer vor wichtigen Spielen zur Andacht versammeln. So einfach lässt sich das Schicksal nicht milde stimmen, nicht einmal gegen Arminia Bielefeld. Auch Eintracht Frankfurt, der andere Bundesligist mit Stadionkapelle, kann davon ein Lied singen. Da fahren sogar die gottlosen Ossis aus Cottbus die Punkte ein.

Nicht nur Größenwahn, auch Hybris ist dem Fußballspiel nicht fremd. „Niemand kommt an Gott vorbei, außer Stan Libuda“, hieß es in den sechziger Jahren in Gelsenkirchen. Der Übersteiger des Rechtsaußen war Legendär, aber war der Vergleich mit dem Überirdischen nicht doch ein bisschen zu viel? Abstürzende Fußballgötter, oder sollte man besser sagen Fußballgötzen, hat es schon viele gegeben. Maradona auf Koks, Paul Gascoigne in der Entzugsklinik, David Beckham in Hollywood. Ist also Gotteslästerung der wahre Grund dafür, dass der FC Schalke seit 49 Jahren nicht mehr Meister war? Oder sitzt der Dribbelkünstler aus Gelsenkirchen jeden Samstag neben dem heiligen Vater? Hören die beiden gemeinsam die Fußballkonferenz im Radio und machen sich einen Spaß daraus, auf dem grünen Rasen Schicksal zu spielen?