Wahlkampfplakate werden geklebt, die TV-Spots der Kandidaten mit der Stoppuhr kontrolliert. Am Ostermontag begann in Frankreich offiziell die heiße Phase des Kampfes um das höchste Amt im Staat. Vor Monaten sah es noch so aus, als machten Nicolas Sarkozy, der Mann der Konservativen, und die Sozialistin Ségolène Royal dieses Rennen unter sich aus. Je näher aber der erste Wahlgang am 22. April nun rückt, desto mehr sind die vielen Umfragen mit spitzen Fingern anzufassen. Denn die Franzosen geben sich in einer Rekordzahl bei den Befragungen unentschlossen. Viele haben noch gar nicht entschieden oder könnten ihre Meinung durchaus noch ändern. Schon Ex-Staatspräsident François Mitterrand wusste: "Die letzten beiden Wochen entscheiden."

"Das große Zögern", so nannte am Montag die Pariser Libération das, was die Wahl des sechsten Präsidenten der fünften Französischen Republik so ungemein spannend macht: Etwa 18 Millionen Franzosen - und damit 42 Prozent der Wahlberechtigten - haben noch immer nicht den Mann oder die Frau auserkoren, die sie gern in den Elysée-Palast schicken möchten. Und das kann deutlich die Chancen jener beiden Kandidaten erhöhen, die dem Duo Sarkozy-Royal auf den Fersen folgen. François Bayrou, der Zentrumspolitiker und "Mann des Ausgleichs", liegt nur einige wenige Prozentpunkte hinter der Sozialistin Royal. Und Jean-Marie Le Pen, der Chef der rechtsextremen Nationalen Front (FN), spekuliert darauf, wie schon bei der Präsidentenwahl 2002 von der schwächelnden Linken zu profitieren und an Royal vorbei in den zweiten Wahlgang einzuziehen.

Warum aber wissen Millionen Franzosen noch nicht, wen sie zum Nachfolger von Jacques Chirac küren wollen? "Wähler fragen sich, ob die Hauptkandidaten ihrer Aufgabe in dem höchsten Staatsamt gerecht werden können und zweifeln etwas daran", erklärt Stéphane Rozès vom Meinungsforschungsinstitut CSA. Umfrageexperte Frédéric Dabi von dem Institut Ifop nennt das schlicht "die Unsicherheit, was das Angebot (an Kandidaten) angeht". Vor zwölf Jahren war dies ähnlich, als es nach 14 Jahren unter Präsident Mitterrand "ebenfalls um eine Wahl der Erneuerung ging". Vor allem junge Leute sowie Frauen sind sich noch nicht schlüssig. Das Interesse an der Wahl ist unterdessen sehr hoch.

Sarkozy und Royal sind jedenfalls vorgewarnt. Noch im Februar 1995 lag der Neogaullist Chirac mit dürftigen 13 Prozent in den Umfragen weit hinter Edouard Balladur und Lionel Jospin, um dann doch beide zu besiegen. Und 2002 traute kaum jemand Jean-Marie Le Pen zu, an Jospin vorbei in die Stichwahl gegen Chirac zu gelangen - in Umfragen geben sich Le Pens Anhänger nicht unbedingt zu erkennen, seine wahre Stärke ist somit schwer abzuschätzen. Bemerkenswert ist da auch, dass sich 2007 jene, die sich in den Umfragen zu Le Pen bekennen, sicherer sind als die Sympathisanten der anderen Kandidaten, dass sie auch so am 22. April abstimmen werden. All das macht unangenehme Überraschungen für die als Favoriten gehandelten Sarkozy und Royal durchaus möglich.

(Hanns-Jochen Kaffasack, dpa)

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