Der geschönte Kollaps – Seite 1

Es war eine Marathonsitzung, die bis in die Morgenstunden dauerte, und scheinbar hatte sie zu einem glücklichen Ende geführt: Am Freitagmorgen kündigte der Weltklimarat der Vereinten Nationen in Brüssel an, man habe sich auf den zweiten Teil des Berichts zum Klimawandel geeinigt. Es geht darin um die Auswirkungen des Klimawandels. Mit welchen Folgen muss der Mensch durch die hausgemachte Erderwärmung rechnen? Welche Konsequenzen müssen wir für unser Handeln tragen? Der Veröffentlichungstermin am Karfreitag mochte zunächst ganz passend für dieses ernste Thema erscheinen, mit dem Blick auf das Ergebnis verleiht er dem Prozedere jetzt aber eine bittere Note.

Denn an einem Tag, an dem zahllose Christen weltweit Buße tun, bleibt die Bereitschaft zur Sühne auf dem politischen Parkett ein frommer Wunsch: Was das Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) in seinem zweiten Abschnitt des dreiteiligen Reports berichten wollte, war längst bekannt, Details zu den Folgen der Erderwämung kursieren seit Wochen in den Medien. Die offizielle Fassung des wissenschaftlichen Papiers wird nun aber anders aussehen, als die Fakten es gefordert hätten. Nach Angaben aus Delegationskreisen wurden einige kritische Passagen in letzter Minute gestrichen. Die Fachleute aus 130 Ländern hätten dem Drängen der USA und Chinas nachgegeben, hieß es.

Ein Abschnitt zu den erwarteten Klimaschäden in Nordamerika kommt den Delegierten zufolge nicht mehr vor. Im Entwurf hatte es zunächst geheißen, als Folge der Erderwärmung werde es auf dem Kontinent unter anderem Wirbelstürme, Trockenheit, Überflutungen und Brände geben. Dieser Passus sei auf Druck der USA gestrichen worden, berichteten Teilnehmer der UN-Sitzung.

Auch China habe in den Verhandlungen darauf bestanden, eine Textstelle zu entfernen, wonach gewisse Schäden mit "sehr hoher Wahrscheinlichkeit" eintreten würden. Anwesende Wissenschaftler seien daraufhin aufgestanden und hätten einen Erhalt dieses Hinweises verlangt. Daraufhin wurde eine Kompromissformel gesucht.

Die ist nun gefunden, die ausgehandelte Zusammenfassung des Reports wurde mittlerweile auf der Website des IPCC veröffentlicht . Der Preis für den Kompromiss aber ist hoch. Denn wenn die Prognosen der Wissenschaftler stimmen, wird der Kampf gegen die Folgen des Klimawandels nun schwierig, wenn nicht gar aussichtslos - die wichtigsten Umweltsünder machen einfach nicht mit.

Auch die Rufe aus Europa werden da wenig helfen: Die WHO hat am Freitag ihrerseits vor gravierenden Folgen durch den Klimawandel gewarnt. Die Weltgesundheitsorganisation hatte das Kapitel über Gesundheitsfolgen im neuen Weltklimareport mit koordiniert. Die Erderwärmung werde voraussichtlich Millionen von Menschen weltweit gesundheitlich bedrohen, mahnte das WHO-Europabüro in Rom. Schon heute sind der WHO zufolge erste Auswirkungen zu beobachten: Die 35 000 Hitzetoten in Europa im Sommer 2003 seien ein erstes alarmierendes Beispiel.

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Die Organisation rechnet künftig mit mehr Todesfällen, Erkrankungen und Verletzungen durch Wetterextreme wie Überflutungen, Stürme und Hitzewellen. Auch die Zahl von Herz- und Atemwegleiden durch steigende Ozonkonzentrationen sowie Durchfallerkrankungen und anderen lebensmittel- und wasserbedingten Leiden würden zunehmen. Außerdem steige das Risiko von Infektions- und Atemwegerkrankungen durch Mangelernährung, die vor allem Kinder treffe. Erfrierungen könnten dagegen mancherorts seltener werden.

Die Klimawandelfolgen träfen vor allem künftige Generationen und gefährdeten die von den Vereinten Nationen beschlossenen Millenniumsziele, warnte die WHO. Die Welt müsse dringend einen Ausweg beschreiten.

Die deutsche Entwicklungsministerin Heidemarie Wieczorek- Zeul (SPD) hatte bereits am Donnerstag besondere Anstrengungen der Industrienationen für den Klimaschutz angemahnt. Für die ärmsten Entwicklungsländer, die am meisten unter den dramatischen Folgen des Klimawandels zu leiden hätten, seien zusätzliche finanzielle Hilfen notwendig, sagte die Ministerin in Berlin.

"Die Industrieländer stehen in der Verantwortung. Sie müssen ihre Emissionen radikal reduzieren" - und den Entwicklungsländern bei der Anpassung an den Klimawandel finanziell unter die Arme greifen, sagte die Ministerin. Wie gesagt: Ein frommer Wunsch. Denn dazu müssten sich auch die USA und China zu den absehbaren Folgen des Klimawandels bekennen.

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