Ein weitläufiges, modernes Gebäude aus Glas und Stahl, hohe Fenster, die Fußböden aus dunklem Holz. Rechts vom Empfang geht es in den Galerieraum, dort steht ein einzelner Besucher etwas verloren vor einer Arbeit der New Yorker Fotografin Elena Dorfman . Es ist das großformatige Porträt einer Elfe. Auf den ersten Blick ähnelt das Ars Virtua New Media Center anderen Museen für zeitgenössische Kunst. Aber Ars Virtua steht weder in San Jose, noch in Rotterdam, noch sonstwo auf diesem Planeten. Es befindet sich in der virtuellen Computerwelt von Second Life .

Die Plattform im Internet wurde vor sechs Jahren von der kalifornischen Firma Linden Lab gegründet, mittlerweile haben sich über fünf Millionen Nutzer aus der ganzen Welt angemeldet. Die Grundidee: Die Bewohner sollten ihre Welt selbst gestalten. Alles, was es in Second Life gibt – jedes Haus, jedes Kleidungsstück und auch die Ars Virtua Galerie – ist ihr Werk. Und so gibt es mittlerweile nicht nur Nachtclubs, Einkaufszentren und Universitäten, sondern auch eine Reihe von Museen, Galerien und Künstlern, die hier ihre Arbeiten ausstellen.

Die Künstler in Second Life lassen sich grob in drei Typen teilen: lokale Stars, Selbstvermarkter und die aus der echten Welt zugezogenen – Menschen wie Dorfman, die ihre Arbeiten aus der realen in die virtuelle Welt hochladen, um sie dort auszustellen.

Zu den lokalen Größen gehört DanCoyote Antonelli . Im wahren Leben heißt er D.C. Spensley, studiert am San Francisco Art Institute Kunst, wird von keiner Galerie vertreten und auch sonst kaum wahrgenommen. In Second Life darf er hingegen bei keiner der größeren Ausstellungen und Symposien fehlen. Antonelli gilt als Begründer einer eigenen Stilrichtung – dem sogenannten Hyperformalimus – die außerhalb der Naturgesetze von Second Life gar nicht existieren kann: Seine riesigen, teils interaktiven Installationen sind ausgefeilte Computerprogramme, die ganze Landschaften Wellen schlagen oder regenbogenfarbene Lichtfontänen in den Himmel schießen lassen.

Die Antithese zu Antonellis ortsspezifischer Kunst sind Werke, wie die des südafrikanischen Malers Lloyd Christensen. Seine Ölbilder könnten an den Wänden wirklicher Galerien hängen. Stattdessen werden sie digitalisiert, hochgeladen und dann, wie Anfang Februar geschehen, in einer kleinen Galerie in Second Life gezeigt . Christensen steht stellvertretend für eine ganze Reihe von Künstlern, die in der zeitgenössischen Szene zwischen New York, Paris, London und Berlin kaum Beachtung finden. Für sie ist Second Life vor allem eins: eine billige globale Werbefläche und eine Möglichkeit, ihre Werke zu vermarkten. Aus demselben Grund sind auch Marken wie Adidas oder American Apparel in Second Life. "Menschen aus der ganzen Welt sehen auf diese Weise Kunst, die sonst vermutlich nie eine Kleinstadt in Dänemark oder Oklahoma verlassen hätte," sagt auch Richard Minsky, Herausgeber der ersten Kunstzeitung in Second Life, Slart .

Jeffrey Lipsky ist im wirklichen Leben Künstler und Leiter einer kleinen Galerie an der amerikanischen Ostküste. Auch Lipsky malt und zeichnet – großformatige abstrakte Pastellbilder, die von Graffiti beeinflusst sind. Und auch für ihn war Second Life, als er vor etwa einem Jahr darauf aufmerksam wurde, zunächst nur ein Mittel zur Vermarktung. "Ich lade meine Originalbilder hoch, um sie auszustellen und zu verkaufen," sagt er. "Ich bin unglaublich schlecht darin, Dinge in Second Life zu bauen." Wer eines seiner virtuellen Bilder in Second Life kauft, bekommt das Original per Post zugeschickt. Die Rechnung scheint aufzugehen: Mittlerweile hat er auf diesem Weg laut eigener Angabe Kunstwerke im Wert von über 10.000 Dollar verkauft.