Kiew bietet heute ein Bild, das an die ersten Stunden der orangefarbenen Revolution im November 2004 erinnert: Aktivisten schlagen Zeltstädte auf, ziehen mit wehenden Fahnen auf den Unabhängigkeitsplatz und bereiten die Blockade des Präsidentenpalastes vor. Wieder strömt der Protest auf die Straßen - nur sind die Fahnen diesmal regierungsblau und kommunistenrot.

Vor gut zwei Jahren wurde der heutige Premierminister Wiktor Janukowitsch durch die Volksproteste und eine Wiederholungswahl um das dank seiner Wahlfälschungen sicher geglaubte Präsidentenamt gebracht. Heute schickt er seine im autoritären Geist der Ostukraine geordneten Kolonnen als Konterrevolutionäre auf die Demonstration gegen seinen Widersacher, den eher pro-westlichen Präsidenten Wiktor Juschtschenko. Die Lektion der Massenmobilisierung und ihres Einflusses hat Janukowitsch zumindest gelernt.

Ansonsten zeigt sich in der schwersten politischen Krise der Ukraine seit den Revolutionstagen 2004, wie unbelehrbar fast die gesamte politische Klasse ihr Volk und Land desavouiert. Rache, Eifersucht, geschäftliche Interessen, Schleimerei und Intrigantentum ergeben ein undurchdringliches Gemenge von Untugenden und persönlichen Zielen, das heute charakteristisch ist für die Führung des Landes.

Die demokratischen Institutionen erfahren weiterhin keinen Respekt. Politiker beider Lager bevorzugen die starke Hand und ihre Kohorten im Hintergrund anstelle der soft power eines Regelwerks. Präsident Juschtschenko löst das Parlament auf und ordnet Neuwahlen an, und Premierminister Janukowitsch verweigert sich mit seiner Parlamentsmehrheit. Die Abgeordneten entlassen schnell als Widerstandsakt den Leiter der Wahlkommission, der ihre eigene Wahl im Frühjahr 2006 beglaubigt hatte, zugunsten desjenigen Vorsitzenden, der die Wahlfälschungen vor der orangefarbenen Revolutionen verantwortet hatte. Und alle wedeln dabei mit derselben Verfassung, die sie gemeinsam zugunsten der Machtsicherung zusammengeschustert haben, in der Luft herum.

Die Auflösung des Parlaments war Juschtschenkos mutigster Schritt seit seinen Revolutionstagen. Ob er klug war, wird sich erst erweisen. Die Hoffnung auf eine an den Interessen des Landes orientierte, ehrliche und transparente Politik hatte der selbstverliebte Zauderer schon früher enttäuscht. Im Herbst 2005 entließ er die ehrgeizige Timoschenko als Premierministerin. Die orangefarbenen Revolutionäre fraßen sich selbst.