Herr Schneider, wir leiden mit Ihnen. Sie spielen trotz der kurzen Pause nach der WM eine gute Saison. Aber man sieht Sie öfter mit schmerzverzerrtem Gesicht über den Platz laufen.
Bernd Schneider: Ich weiß nicht, was Sie da sehen. Ich fühle mich sehr gut und habe oft noch am Ende der Spiele gute Akzente gesetzt. Vielleicht falsch gesehen, falsch interpretiert, das kann man so oder so auslegen. Ich spiele jedenfalls schmerzfrei.

Wir wollten Ihnen nicht zu nahe treten. Aber in manchem Spiel sah man, dass jede Faser Ihres Körpers schmerzt, im Uefa-Cup gegen Bukarest beispielsweise.
Bernd Schneider: Wie gesagt, der eine sieht's so, der andere so. Der eine Spieler hat ein Anfangstief, der andere ein Zwischentief, das wird es immer geben. Trotz alledem freut man sich immer wieder, auf den Platz zu gehen und zu spielen.

Wir freuen uns, dass Sie die WM-Form in die Bundesliga mitgenommen haben.
Bernd Schneider: Das meinte ich eben. Bei mir lief es kontinuierlich ganz gut weiter. Einen Durchhänger hatte ich bislang noch nicht.

Sie wussten lange Zeit gar nicht, was Zerrungen sind. Müssen Sie sich mit 33 besser pflegen?
Bernd Schneider: Im jungen Alter legt man nicht so viel Wert darauf wie später. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Pflege sehr wichtig ist, gerade bei englischen Wochen, wo man nicht mehr so viel trainiert und alle drei, vier Tage Topleistungen bringen muss.

Machen Sie auch Übungen zu Hause?
Bernd Schneider: Ich mache auch etwas selbst. Aber nicht so viel.

Vorher mussten Sie sich nicht mal warmmachen.
Bernd Schneider: Ach was, ich kann immer noch auf den Platz gehen und spielen, ohne mich besonders warmzumachen. Das ist auch vom Typ abhängig.

Sie laufen immer noch sehr viel. Freuen Sie sich schon auf den Moment, wo Sie es ruhiger angehen lassen können?
Bernd Schneider: Aber Laufen ist die Basis für den Fußball. Gerade für uns Deutsche, die im Ausland so gesehen werden, dass sie nie aufgeben. Diese Laufbereitschaft muss man immer an den Tag legen. Aber das sind eben auch die Einheiten, in denen der Ball fehlt.

Man kann aber auch guten Fußball ohne Marathonqualitäten spielen.
Bernd Schneider: Das habe ich ja eben gesagt: Das Laufen gehört einfach dazu. Das sind die Stärken von deutschen Mannschaften. Von der technischen Begabung her sind wir mit nicht so viel Talent ausgestattet wie etwa die Brasilianer. Darum müssen wir etwas in die Waagschale werfen, in dem wir besser sind. Auf jeden Fall müssen wir mehr laufen als beispielsweise ein Ronaldinho.

Sie als weißer Brasilianer können sich doch nicht über fehlende Technik beklagen.
Bernd Schneider: Nein, Technik gehört sicher zu meinen Stärken. Aber wir haben auch andere deutsche Spieler, die technisch sehr beschlagen sind wie zum Beispiel Bastian Schweinsteiger und Philipp Lahm. Die Grundvoraussetzungen zwischen Brasilianern und Deutschen sind allerdings unterschiedlich.

Warum haben gerade Sie so eine ausgezeichnete Technik?
Bernd Schneider: Es gibt viele Punkte. Ich habe viel trainiert, ich komme ja aus den neuen Bundesländern, dort wurde von Kindesbeinen an viel Wert auf Technikschulung gelegt, gerade was die Beidfüßigkeit angeht. Da hat man den schwachen Fuß auch mitgenommen und intensiv trainiert. Aber man kann auch genetisch Glück haben, dass man ein feinerer Spieler wird als andere.

Rafael van der Vaart hat seine gute Schusstechnik trainiert, indem er die leeren Bierflaschen abgeschossen hat, die sein Vater auf dem Campingplatz aufgestellt hat.
Bernd Schneider: Wir hatten auch Übungen, aber so etwas nicht. Wir haben zum Beispiel mit dem Tennisball gespielt, wenn mal kein anderer Ball da war.

Sie hatten die unterschiedlichsten Trainer, die Freude an der Arbeit haben Sie nie eingebüßt.
Bernd Schneider: Ich habe eine gewisse Verspieltheit in mir, die nie nachgelassen hat. Auch in den englischen Wochen liegt bei mir zu Hause ein Ball rum. Wenn man mit dem Fußball aufgewachsen ist, ist es schwer, davon wegzukommen. Ich spiele jetzt schon beinahe 30 Jahre, da gehört das dazu.

Es fällt Ihnen schwer, ohne Ball klarzukommen?
Bernd Schneider: Das Schlimmste ist, wenn man verletzt ist und gewisse Übungen im Kraftraum machen muss. Ohne Ball. Das ist wahrscheinlich der Grund, warum ich mich so selten verletze.

Ein Tag ohne Ball ist kein richtiger Tag?
Bernd Schneider: Würde ich jetzt nicht sagen. Aber der Tag ist besser, wenn ein Ball dabei ist.

Fußballer fassen sich vor Freistößen und Elfmetern immer an die Nase. Sie auch.
Bernd Schneider: Ja? Mache ich das? Ich habe schon öfter auf Bildern gesehen, dass meine Finger gekreuzt sind, wenn ich in der Aktion drin bin, beim Schießen, beim Sprinten, beim Zweikampf, ganz komisch, immer sind drei Finger gekreuzt.

Im WM-Halbfinale gegen Italien hatten Sie eine der besten Chancen. Denken Sie noch daran?
Bernd Schneider: Natürlich, das war ärgerlich. Wenn ich den reingemacht hätte, wer weiß, wie das Spiel ausgegangen wäre. Ich habe den Ball auch gut getroffen, hatte aber etwas Rücklage. Ich weiß nicht, ob der Torhüter noch ganz knapp dran war, ich habe es selbst noch nicht gesehen.

Xavier Naidoo hat in seinem Song Danke jedem Nationalspieler eine Strophe gewidmet. Ihre geht so: "Wir haben uns so gewünscht, dass Bernd Schneider / Dieses eine Tor macht. Doch es wurde nichts, leider. / Aber Kopf hoch, Bernd, wir haben dich mehr als gern, / Als du spieltest, flogen Funken. Du bist ein Pfundskerl." Ist Ihnen diese Hymne unangenehm?
Bernd Schneider: Es stört mich jetzt nicht. Ganz im Gegenteil.

Ist es normal, wenn man als Fußballer von einem Popstar besungen wird?
Bernd Schneider: Ich muss ihn mal fragen, wie er das gemeint hat, dass bei meinem Spiel die Funken flogen.

Man hat bei Ihnen das Gefühl, dass Sie nicht so gerne im Mittelpunkt stehen. Dass Sie lieber Fußball spielen und Ihre Ruhe haben wollen.
Bernd Schneider: Das kann sein, dass das manchmal so rüberkommt. Ich renne nicht weg vor der Kamera. Aber ich bin auch nicht der Typ, der nach jedem Spiel seinen Kopf ins Bild halten muss.

Was mögen Sie nicht an der Öffentlichkeit?
Bernd Schneider: Alles ist übertrieben, es fehlen die Zwischentöne.

Wären Sie heute bei Real Madrid, wenn Sie eine große Klappe hätten?
Bernd Schneider: Das glaube ich nicht. 2002, nach dem guten Jahr, hatte ich auch Angebote, die aus verschiedenen Gründen nicht geklappt haben. Das hat nichts damit zu tun, ob man leise oder laut ist. Sondern, dass man gut Fußball spielt.

Da waren Angebote von den besten Klubs Europas dabei?
Bernd Schneider: Ja.

Bereuen Sie das nicht? Viele sagen, Sie müssten längst woanders spielen.
Bernd Schneider: Das gehört im Fußball dazu. Das ist Tagesgeschäft, Jahresgeschäft. Einer wechselt dreimal, der andere keinmal, der nächste sechsmal.

Herr Schneider, das ist keine Antwort. Fehlt Ihnen etwas in Leverkusen?
Bernd Schneider: Ich fühle mich sehr wohl hier. Es macht Spaß, auch wenn es in Anführungszeichen ein kleinerer Verein ist als noch 2002. Also was soll mir fehlen?

Ein internationaler Spitzenklub, der regelmäßig in der Champions League spielt.
Bernd Schneider: Gut, ich wäre gerne mal ins Ausland gegangen. Um Erfahrungen zu sammeln, die Sprache zu lernen, die Mentalität kennenzulernen. Aber es ließ sich nicht realisieren.

Welches Land hätte Sie interessiert?
Bernd Schneider: Von der Art her, wie ich Fußball spiele, wäre es am ehesten Spanien gewesen.