Es gibt die rasende Rache, die in blutigem Wüten endet, im Schlachten und Morden. Nicht erst seit dem Amoklauf in Virginia, dem Massaker an der Columbine-Highschool 1999 oder seit Erfurt 2002. Auch nicht seit 1964, als ein Mann in der Nähe von Köln scheinbar wahllos acht Kinder und zwei Lehrerinnen mit einem Flammenwerfer ermordete. Schon Senecas Medea inszenierte ihre Rache fürchterlich. Sie löschte die Korinther in der Königsburg aus, die sie für mitschuldig an der Untreue ihres Gatten Jason hielt, tötete ihr gemeinsames Kind, um dann, als blutiges Finale, auch ihr zweites Kind vor den Augen seines Vaters, vor den Augen der überlebenden Korinther zu ermorden. Sieh her, Jason, wozu ich fähig bin! Seht alle her!

Medea fühlte sich von Jason zutiefst gedemütigt, der ihr trotz allem, was sie für ihn getan hatte, seine Liebe entzog. Ohne ihn empfand sie sich als ein Nichts, so, als sei sie unsichtbar geworden. Mit ihrer Rachetat wollte sie zeigen, dass sie nicht nichts ist. Mit ihrem Morden – hoch oben auf der Burg – wurde sie wieder sichtbar. Für Jason. Für alle.

Es ist keine neue psychopathische Verwirrung, die da über junge Menschen kommt, die sie in eine rasende Vernichtungswut treibt und oft genug in den eigenen Tod. Was die Taten unterscheidet, ist ihr Ausmaß und ihre relative Häufung. Selbst in der Literatur gibt es seit Medea kaum vergleichbare Amokläufe. In einer der wenigen Studien, die das Phänomen untersuchen, wurde 2002 errechnet, dass es zwischen 1993 und 2001 zu 143 Amok-Ereignisse weltweit kam. In einer anderen Zählung heißt es, dass es zwischen 1995 und 1999 weltweit mehr Massenmorde durch junge Menschen gegeben habe als in den 40 Jahren davor.

Die Täter und wir leben in einer Welt, in der sehr viele Menschen sehr viel darstellen wollen. Für einige ist es manchmal kaum zu ertragen, nur das zu sein, was sie sind. Manchem ist das Normale zu wenig. Weil man überall in den Medien von Menschen hört, die scheinbar Unglaubliches vollbringen, ist dieses Normalsein heute möglicherweise besonders schwer hinzunehmen. Ich bin nicht nichts! Doch was kann man schon dafür tun, dass noch jemand Notiz davon nähme.

Es gibt seeking for sensation - immer mehr, immer größer - auf allen Gebieten. Die USA, aber auch wir in Mitteleuropa, sind Gesellschaften, in denen zwei Phänomene besonders ausgeprägt sind. Hier wird immer wieder aufs Neue das Besondere und Außergewöhnliche gesucht und herausgestellt. Insbesondere wird Leistung individualisiert. Es ist der Einzelne, der das Außergewöhnliche vollbringt, weniger eine Gruppe. Und es gibt den Hang, selbst Sujet der Darstellungen werden zu wollen. Offensichtlich werden in diesem Streben auch neue Hemmschwellen niedergerungen. Der Amokläufer von Virginia hat in seinen eigenen Tod 32 weitere Menschen mitgerissen.

Noch liegen nur spärliche Erkenntnisse über den Täter vor. Möglich ist, dass die Opfer in seinen Augen nicht so unbeteiligt waren, sondern mitschuldig an dem ihm widerfahrenen Unrecht. Sie wären damit für ihn bystander und Mitwisser gewesen. Als solche wurden sie Zielscheibe seiner Rache.

Für Selbstmörder werden vier Motivbündel unterschieden. Da gibt es Menschen - vorzugsweise Mädchen, vorzugsweise durch Tabletten - die Abstand zur Welt und endlich ihre Ruhe haben wollen. Da gibt es die Hilferufenden, die mit ihrer Tat nur ein Notsignal geben wollen, und die, die sich selbst zutiefst hassen. Letztere können ihrem Körper oft schreckliche Zerstörungen zumuten.