Der große Zampano des deutschen Fußballs bewies prophetische Kräfte. Ulli Hoeneß hatte vor dem Viertelfinal-Rückspiel gesagt, er rechne nicht unbedingt damit, dass sein Verein in diesem Jahr die Champions League gewinne. Gehofft indes hatte er natürlich auf das Fußballwunder von München, zumindest auf die Qualifikation für das Halbfinale.

Doch dass der FC Bayern trotz günstiger Ausgangslage mit 0:2 grandios am AC Mailand scheiterte, war folgerichtig. Es war in erster Linie ein Scheitern an den eigenen, derzeit nur mittelmäßigen Möglichkeiten. Innerhalb der ersten 30 Minuten verspielten die Münchner das 2:2-Remis des Hinspiels und wurden dabei regelrecht in ihre Schranken verwiesen.

Auch mit seinen Leistungsträgern Oliver Kahn und Mark van Bommel, die im Hinspiel noch gesperrt waren, wirkte der deutsche Rekordmeister streckenweise hilflos gegen die alles andere als überragend spielende Mailänder Mannschaft. Das lag auch daran, dass das Team von Ottmar Hitzfeld derzeit eher einem Lazarett von Fußkranken ähnelt. Willy Sagnol und Bastian Schweinsteiger laborierten an Knieverletzungen. Mehmet Scholl und Martin Demichelis fielen wegen Muskelfaserrissen aus. Auch Owen Hargreaves und Hasan Salihamidzic sind seit Längerem schon angeschlagen. Allein dem brasilianischen Abwehrmann Lucio, der seinen Nationalmannschaftskollegen Kaká gut im Griff hatte, war es zu verdanken, dass Milans Torausbeute nicht noch höher ausfiel.

Zur Chronologie des Spiels: Bayern startete zunächst durchaus druckvoll. Nach zwölf Minuten vergab Lukas Podolski aus zwölf Metern frei vor Torhüter Dida. Das Auslassen dieser Großchance sollte sich schnell rächen: Nach einem Klassezuspiel von Kaká verlud Clarence Seedorf in der 27. Minute mit einer Körpertäuschung die gesamte Innenverteidigung des FC Bayern und schickte den Ball flach ins linke Toreck. Dabei tunnelte er ausgerechnet den Abwehrmann Daniel van Buyten, den Helden des Hinspiels, der in Mailand zwei Tore erzielt hatte. Seedorf war es auch, der durch ein Klassezuspiel mit der Hacke in der 31. Minute das 0:2 durch Filippo Inzaghi einleitete. Ungestört, wenn auch aus abseitsverdächtiger Position, kam Inzaghi so zum Schuss und ließ Oliver Kahn keine Chance.

Das Wunder, das Bayern-Präsident Franz Beckenbauer zur Halbzeit herbeisehnte, blieb aus. Was in der zweiten Spielhälfte folgte, war ein nahezu blindes Anrennen der Bayern gegen ein italienisches Abwehrbollwerk. Die siegessicheren Worte von Bayern-Trainer Ottmar Hitzfeld hatten sich auf die Mailänder motivierend ausgewirkt, bekannte hinterher Defensivmann Rino Gattuso. Vermutlich wurden Hitzfelds tatsächlich eher bescheidene Ausführungen vor dem Spiel vom AC-Trainer Carlo Ancelotti mit Absicht in gröberer Form ins Italienische übertragen.