Was das Thema Europa anbelangt will François Bayrou Frankreich wieder "in der Mitte Europas verorten". "Die Zeit ist gekommen, dass wir von der Erben-Generation zur Gründer-Generation übergehen", sagte er vor einem Monat. Er will, wie Ségolène Royal, ein zweites Referendum über die EU-Verfassung, denn "nur das Volk kann aufbauen, was es abgeschafft hat." Für einige Beobachter, wie den polnischen Historiker und Politiker Bronislaw Geremek, ist diese Strategie gefährlich. Sollte es am Ende wiederum "Nein" heißen, würde es "den Tod der Europäischen Union bedeuten", sagte Geremek. Bayrou will mehr Europa in sechs Bereichen: Wirtschaft, Umwelt, Energie, Forschung, Immigrationspolitik und Außen- und Verteidigungspolitik. Er bevorzugt die Idee eines Kerneuropas, bestehend aus den "Grundstaaten und den Euro-Länder, sowie einem zweiten Kreis an Ländern, mit denen sich die Zusammenarbeit auf Handel und Gesetzesbestimmungen beschränkt. Dieser Kreis kann sich allerdings von der Ukraine bis ans Mittelmeer ausdehnen." Letzter Punkt: die Türkei bleibt unerwünscht. Ähnlich wie Angela Merkel will Bayrou andere Bündnismöglichkeiten erforschen, als Alternative zu einer Vollmitgliedschaft der Türkei.
Ségolène Royal hat sich ebenfalls für ein neues Referendum über die EU-Verfassung ausgesprochen. Die Sozialistin ist eine "überzeugte Europäerin". Ihr sei bewusst, sagte sie, dass Frankreich seit dem Nein zur EU-Verfassung, "isoliert" sei. Durch Europa solle in Gang gebracht werden, was so oft verkündet, aber nie ins Leben gerufen wurde: "Wenn wir die Arbeitslosigkeit gesenkt haben werden und Europa bewiesen haben wird, dass es sich gegen die zerstörerischen und illegalen Regeln des Welthandels und gegen Produktionsverlagerungen behaupten kann, dann wird sich die Sicht (der Franzosen über Europa) ändern." Die Kooperation zwischen den EU-Ländern in Sache Umweltpolitik, Forschung, Energie soll verstärkt werden. Was die Türkei angeht bleibt Royal vage. Sie werde sich dem Ergebnis des neuen Referendum (geplant für 2009) beugen.
Nicolas Sarkozy hat seinerseits angekündigt, er würde nach seiner Wahl nach Brüssel und Berlin reisen, um einen Mini-Vertrag auszuhandeln. Nicht sicher, dass dieser Schritt mit den EU-Projekten von Bundeskanzlerin Angela Merkel übereinstimmt, die die EU-Verfassung wiederbeleben will. Sarkozy will im Anschluss diesen Vertrag durch die Nationalversammlung verabschieden lassen – also über das Ergebnis des EU-Referendums 2005 hinweggehen. Er will die Kooperation zwischen Europa und dem Mittelmeerraum verstärken. Er lehnt eine Vollmitgliedschaft der Türkei ab.
Vielleicht sollten die Kandidaten über diesen Satz von Jacques Delors nachdenken, so en passant: "Alle französischen Politiker, die sich seit den fünfziger Jahren für Europa eingesetzt haben, glaubten, dass das Leuchten Frankreichs, die Aufrechterhaltung des französischen Einflusses, nur über den Aufbau Europas erhalten werden kann. Dieser grundsätzliche Bestandteil, der den nationalen Patriotismus mit der europäischen Berufung verbindet, hat in den vergangenen Jahren schmerzlich gefehlt. Unsere Partner lieben Frankreich, aber jene die von ‚uns Europäern’ sprechen, nicht jene die Kinnhaken austeilen."