Frankreich leidet im Vergleich zu Deutschland an Wettbewerbsfähigkeit und geringer Produktivität. Doch die größte Herausforderung der französischen Wirtschaft (hier den Artikel vom Kollegen Michael Mönninger zu diesem Thema lesen) ist die Arbeitslosigkeit. Sie liegt bei ca. 9 Prozent. Bei den Jugendlichen unter 25 Jahre erreicht sie sogar katastrophale 21,6 Prozent.Anmerkung, um die Freidenker und Liberalen aller Horizonten zu warnen: Das Wort "Liberalismus" hängt in Frankreich über den Kandidaten wie eine Guillotine. Das müsste man den Kollegen des Economist eventuell mitteilen, die einst ein Titelbild publiziert hatten mit dem Porträt von Maggie Thatcher, darüber die Schlagzeile: "Was Frankreich braucht". Vor kurz haben dieselben Kollegen sich für Sarkozy ausgesprochen. Aber hat er auch nur ein einziges Mal behauptet, "ja mein Programm ist liberal"? Niemals. Es käme einem politischen Selbstmord gleich. Es gab einmal einen Politiker, der es versucht hat. Er hieß Alain Madelin. Heute ist er in Vergessenheit geraten. 2002 wurde er mit ca. 3,9 Prozent der Stimmen bei der Präsidentschaftswahl belohnt.Warum eigentlich ein solches Vorbehalt gegenüber die Freizügigkeit? "Sowohl im rechten wie im linken Lager der Franzosen gibt es eine seit Jahrhunderten gewachsene Verbundenheit mit der Macht des Staates, von Colbert über Napoléon bis hin zu de Gaulle", erklärt Pascal Perrineau, Direktor des Zentrum für politischen Studies in Sciences-Po. "Diese Verbundenheit findet sich in dieser Form, aus unterschiedlichen historischen Gründen, weder in Deutschland noch in Großbritannien, Spanien oder Italien. Es spielen auch kulturelle Aspekte eine Rolle: die Rechte entwickelte sich um katholische Werte herum, die Linke aus marxistischen Konzepten. Die eine wie die andere Seite nimmt eine misstrauische Haltung sowohl dem Geld als auch den Unternehmen gegenüber ein. Und schließlich gibt es einen sehr französischen politischen und juristischen Denkansatz, wonach die öffentliche Gewalt die Interessen des Einzelnen vertritt; Einzelinteressen, die sich gegen die Interessen der Allgemeinheit richten, werden dadurch illegitim. Bei unseren Nachbarn ist es umgekehrt: Das Allgemeinwohl setzt sich aus der Summe und der Abwägung von Einzelinteressen zusammen, die sich frei entfaltet haben", sagt Perrineau weiter.François Bayrou will der neue Vertreter der "sozialen Marktwirtschaft" sein – Bayrou, der französische Ludwig Erhard? Seine Vision lautet: "In einem globalisierenden Wettbewerb sind die Stichhaltigkeit und die Solidarität einer Gesellschaft von größter Bedeutung. Wirtschaft und Soziales müssen gemeinsam gedacht werden. (…) Mit dieser Vision wird Frankreich ein Land sein, das gleichzeitig pro-Unternehmen und gleichzeitig pro-Forschung wird." Konkret will er mit einem "small business act" die kleinen Unternehmen fördern und die Einstellung vereinfachen. Er will auch die 35 Stunden-Woche liberalisieren. Wie in Deutschland soll ein zu hohes Haushaltsdefizit verfassungswidrig werden.Mit der Sozialistin Ségolène Royal wird der Staat erwartungsgemäß in die Wirtschaft mehr eingreifen. Mit Hilfe der Regionen sollen 500 000 Jobs für junge Leute geschaffen werden – man weiß allerdings nicht so ganz genau wie. Die 35 Stunden-Woche könnte wieder verhandelt werden, auch wenn Ségolène Royal es nicht explizit so ausdrückt.Nicolas Sarkozy verspricht innerhalb von fünf Jahren die Arbeistlosigkeit unter die 5 Prozent-Hürde zu senken. Der UMP-Chef will den Wert der Arbeit "wieder ins Zentrum der Gesellschaft" stellen und diejenigen, die mehr arbeiten, belohnen. Dementsprechend soll die 35 Stunde-Woche abgeschafft werden, um mehr Freiheit für die Unternehmen zu schaffen.