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Das Dienstverhältnis des Anfang 20-Jährigen wurde am Dienstag aufgelöst, teilte das Verteidigungsministerium in Berlin mit. Er verliert damit seinen Dienstgrad und Anspruch auf Dienstbezüge.

Der Fahnenjunker hatte im Juli 2006 in der Feldwebel-Schmid-Kaserne im schleswig-holsteinischen Rendsburg einem Rekruten ein fiktives "Feuern" mit dem Maschinengewehr auf Afroamerikaner im New Yorker Stadtteil Bronx befohlen. Dabei sollte er Schimpfworte rufen.

Ein weiterer Ausbilder filmte die Szene. Gegen ihn wird weiter ermittelt. Das Ministerium hatte von dem Vorfall bereits im Januar erfahren, nachdem ein Soldat das Video seinem Vorgesetzten gegeben hatte. Die Entlassung des Soldaten erfolge nach Paragraf 55 des Soldatengesetzes, sagte der Ministeriumssprecher. Danach sei bei einem Soldaten auf Zeit in den ersten vier Dienstjahren eine fristlose Entlassung möglich, wenn er seine Dienstpflicht schuldhaft verletzt hat und sein Verbleiben im Dienstverhältnis die militärische Ordnung oder das Ansehen der Bundeswehr ernstlich gefährden würde.

In den USA löste der Fall Empörung aus. Der Bürgermeister der Bronx, Adolfo Carrion, fordert von Deutschland eine Entschuldigung. Der demokratische New Yorker Staatssenator Jeff Klein aus der Bronx verlangte ebenfalls eine Entschuldigung. Mit dem Video seien nicht nur die Einwohner des Stadtteils, sondern alle Afroamerikaner beleidigt worden, zitierten ihn amerikanische Medien. Der ebenfalls demokratische Abgeordnete im Kongress des Staates New York, Jose Serrano, kündigte an, dass er an diesem Montag mit dem deutschen Konsulat der Stadt über den Vorfall sprechen werde.

Der Wehrbeauftragte des Bundestags, Reinhold Robbe, wollte nach einem Bericht des Online-Angebots des Magazins Stern mit Verteidigungsminister Franz Josef Jung (CDU) über den Vorfall sprechen. "In den zwei Jahren meiner Amtszeit habe ich noch keinen derartigen Fall auf den Tisch bekommen, bei dem ein Ausbilder mit solch rassistischen Parolen Befehle erteilt", sagte Robbe. Er halte den Vorfall aber für einen Einzelfall.

Eine Reform der Ausbildung in der Truppe forderte der verteidigungspolitische Sprecher der SPD-Fraktion Rainer Arnold. Die Entgleisung sei "zusätzlicher Beleg dafür, dass es in der Bundeswehr eine Führungsschwäche gibt", sagte er der Frankfurter Rundschau . Die Führungsaufsicht müsse verstärkt und Verfehlungen müssten konsequenter geahndet werden. Vielen Führungskräften fehle die Nähe zur Truppe.

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Heftige Kritik an der Ausbildung und Menschenführung der Bundeswehr übte auch Jürgen Rose, Oberstleutnant und Vorstandsmitglied des "Darmstädter Signals", einer Vereinigung kritischer Soldaten. "Diese Skandale sind keine Einzelfälle. Sie passieren in der Bundeswehr zwar nicht alltäglich, aber zumindest alljährlich", sagte Rose stern.de . Er sehe eine zunehmende Tendenz, dass die jungen Rekruten in der Grundausbildung für einen archaischen Kampf ausgebildet werden.

In Münster stehen zurzeit mehrere Ausbilder der Bundeswehr vor Gericht, denen die Misshandlung von Rekruten vorgeworfen wird. Sie sollen an nachgestellten Geiselnahmen in der Kaserne Coesfeld beteiligt gewesen sein. Dabei wurden die Wehrpflichtigen laut Anklage mit Wasser bespritzt, geschlagen, getreten und mit Stromstößen gequält. Es handelt sich um einen der größten Strafprozesse in der Geschichte der Bundeswehr.

Zuvor hatte bereits die Totenkopf-Affäre den Ruf der Bundeswehr beschädigt. 2003 und 2004 hatten deutsche Soldaten in Afghanistan mit Totenköpfen posiert und sich dabei gegenseitig fotografiert. Nachdem die Fotos an die Öffentlichkeit gelangt waren, hatte Bundesverteidigungsminister Franz Josef Jung gesagt: "Wer sich so verhält, hat keinen Platz in der Bundeswehr." Entlassen wurde keiner der Beteiligten, es gab lediglich Disziplinarverfahren.

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