Ganz tief im Osten, in einer Stadt, bei der sich die Gelehrten streiten, ob sie überhaupt noch zu Europa gehört, sitzt einer der großen Gewinner: Für Rinat Achmetow aus Donezk, den mutmaßlich reichsten Mann der Ukraine, ist heute ein schöner Tag. Denn der Eigentümer und Präsident des Champions-League-erfahrenen Fußballclubs Schachtjor Donezk lässt im Leninsky Komsomol Park , am Stadtrand der Bergbaustadt, ein Stadion mit 50.000 Sitzplätzen bauen, das den höchsten Uefa-Richtlinien entspricht. Geplant hat den neuen ukrainischen Fußballtempel übrigens ein - global agierendes - Londoner Büro, das bereits die Allianz Arena in München entwarf und in diesen Tagen am neuen Nationalstadion in Peking werkelt, wo im kommenden Jahr die olympischen Sommerspiele eröffnet werden.

Donezk ist eines der acht Stadien, mit denen sich Polen und die Ukraine bei der Uefa beworben haben - erfolgreich. Hier wird ein Halbfinale stattfinden. Die Finanzierung über 250 Millionen Dollar steht, fertig soll die Arena im Mai 2008 sein. Aber während sich in Donezk die Baukräne munter drehen, ist vom Ort des Eröffnungsspiels in Warschau bislang nichts zu sehen, nur zu hören – kommunalpolitisches Gezeter nämlich. An der Weichsel soll ebenfalls ein neues Nationalstadion entstehen. An neureichen Oligarchen wie Achmetow mangelt es in Polen allerdings.

Auch alle anderen Stadienpläne in Polen sind bislang nur virtueller Art. In Danzig ist etwa eine "baltische Arena" für die Euro 2012 geplant. In der Stadt spielt allerdings nur ein mäßiger Zweitligist (Lechia Gdansk), der noch dazu ein massives Hooliganproblem hat – und mit dem Erstligisten aus der Nachbarstadt (Arka Gdynia) ernsthaft verfeindet ist. Ein blauweiß-blaurotes Miteinander wie in München, wo die Bayern und 1860 in einem Stadion spielen, erscheint hier unmöglich. Überhaupt die Hooligans: Deren polnische Sorte gilt als die gefährlichste unter den europäischen. Bis zu 5000 von ihnen soll es geben, die man in Deutschland unter die Kategorie-C ("sucht Gewalt") einordnen würde.

Das sind jedoch lediglich Schätzungen, denn die polnische Polizei vermochte es bislang nicht, eine funktionierende Hooligan-Datei zu erstellen, wie sie viele andere europäischen Länder benutzen. Zwar versucht vor allem der junge Justizminister Zbigniew Ziobro gern, sich als Sheriff zu profilieren: Zuletzt legte er ein Konzept für sogenannte Schnellgerichte vor, mit denen Hooligans binnen 24 Stunden verurteilt werden könnten. Funktionierende Fanprojekte, die vorbeugend mit dem Problem umgehen oder gar ein nationales Sicherheitskonzept gibt es allerdings nicht. Noch nicht. Mit dem Zuschlag zur Euro 2012 soll sich nun einiges ändern: "Wir können mit der EM eine ganz neue Wirklichkeit gestalten", sagte etwa Jerzy Dudek, polnischer Volksheld und inzwischen degradierter Nationaltorhüter vom FC Liverpool. 

Es gibt weitere Probleme: Neben viel zu kleinen und maroden Stadien leidet Polen unter einer korrumpierten Liga, der Ekstrakalsa , die aktuell einen Schiedsrichterskandal italienischen Ausmaßes erlebt. Darin verstrickt waren auch einzelne Mitglieder des nationalen Fußballverbands PZPN , wo alte postkommunistische Seilschaften eine undurchsichtige Vetternwirtschaft pflegen. Zwischen dem PZPN und der Regierung verläuft eine harte Front, weshalb sich Sportminister Tomasz Lipiec auf Geheiß seines Regierungschefs laufend in die Geschäfte des Verbands einmischt. Der wiederum hat einen starken Verbündeten: FIFA-Präsident Joseph S. Blatter; er hatte sich für Polen und die Ukraine als Gastgeber der Euro 2012 stark gemacht.

Die Partnerschaft mit der Ukraine sieht Polen als politisches Signal. Seit der sogenannten "orangenen Revolution" in Kiew tritt Warschau als Anwalt des ukrainischen Bestrebens auf, EU-Mitglied zu werden. Die Nachricht, die EM zugesprochen bekommen zu haben, entfachte in Polen riesigen Jubel: Nach der Uefa-Entscheidung tönte als erster der Europa-Abgeordnete Ryszard Czarnecki von der populistischen Regierungspartei Samoobrona (Selbstverteidigung): "Das ist ein großer Erfolg der Regierung und der gesamten polnischen Nation. Es ist gleichsam eine große Chance. Für diese Meisterschaft werden wir Autobahnen, Hotels und Stadien bauen."