Der Streit über die Äußerungen des baden-württembergischen Ministerpräsidenten Günther Oettinger zu seinem Amtsvorgänger und NS-Richter Hans Filbinger hat Konsequenzen für die katholische Kirche in Berlin: Erzbischof Kardinal Georg Sterzinsky wies die Sankt-Hedwigs-Kathedrale an, einen für Dienstag geplanten Gedenkgottesdienst für Filbinger abzusagen. Sterzinsky habe dies "untersagt", teilte der Sprecher des Erzbistums mit. "Er möchte verhindern, dass der Gottesdienst missbraucht und missverstanden wird."

In der Sankt-Hedwigs-Kathedrale sollte des Einsatzes von Filbinger für den Berliner Priester Karl Heinz Möbius gedacht werden. Möbius war 1944 wegen Widerstand gegen die Nazis zum Tode verurteilt worden. Dieses Urteil wurde offenbar dank Filbingers Intervention aufgehoben – Dankesschreiben des Pfarrers an Filbinger im Diözesanarchiv Berlin sollen dies dokumentieren. "Es ist eine Pflicht der Gerechtigkeit, Filbinger dafür zu danken - auch wenn er ansonsten im Strudel der Kritik steht", sagte der Berliner Prälat Wolfgang Knauft. Politiker von SPD, Grünen und FDP hatten zuvor den geplanten Gottesdienst scharf kritisiert.

Angela Merkel bekräftigte derweil ihre Kritik an ihrem Parteifreund Günther Oettinger, der mit seiner umstrittenen Trauerrede die Debatte um Filbinger neu belebt hatte. Merkel sagte, die Reaktionen hätten ihr gezeigt, dass es "richtig war, frühzeitig in dieser Frage klar Stellung zu nehmen als CDU-Parteivorsitzende".

Günther Oettinger hat seine Krise offenbar noch nicht ausgestanden: Als Reaktion auf die anhaltende Kritik an seiner Trauerrede verzichtete er heute kurzfristig auf eine Reise zum päpstlichen Geburtstag. Aus aktuellem Anlass wird er stattdessen an der Sitzung des CDU-Parteipräsidiums in Berlin teilnehmen.

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