Hans Karl Filbinger, Ministerpräsident des Landes Baden-Württemberg, hat also in Norwegen nicht nur drei Wochen nach der Kapitulation des Deutschen Reiches den aufsässigen Obergefreiten Petzold, der sich die Hakenkreuzabzeichen von der Uniform trennte, wegen Verstoßes gegen die Manneszucht und Gesinnungsverfalls zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt. Er hat als Marinerichter kurz vor Kriegsende auch an einem Bluturteil mitgewirkt und dessen Vollstreckung an dem 22-jährigen Matrosen Walter. Gröger als leitender Offizier persönlich überwacht (siehe Seite 3-5). Leute, die es wissen könnten, sind der Ansicht, dass die Akten noch manchen ähnlichen Fall bergen.

Anlass zur Treibjagd auf Filbinger? Keineswegs, Wohl aber: Anlass zum Nachdenken über geschichtliche Schuld, moralische Lauterkeit und politische Erträglichkeit. Ein undankbares, quälendes Thema in unserem Lande.

Wer wollte von den Älteren den ersten Stein werfen — haben nicht die allermeisten irgendwie und irgendwo dem verbrecherischen Regime Hitlers gedient: Beamte, Offiziere, Professoren, Industrielle, Richter und Journalisten? Und wer von den Jüngeren dürfte schon mit Gewissheit von sich behaupten, dass er die Kraft besessen hätte, dem Räderwerk des Systems zu widerstehen? Da kann niemand den Weltenrichter spielen wollen. Ein jeder muss sich schaudernd sagen: There but for the grace of God go l ...

Auch können wir eine dritte Entnazifizierung nicht wirklich wollen. Die erste, von den Alliierten angeordnete, versackte in blindem Schematismus und wurde rasch von der Gastsiegerpose abgelöst, in die wir uns nach dem Beginn des Kalten Krieges werfen durften. Die zweite gab es anderthalb Jahrzehnte nach Kriegsende, eine kleine Säuberungswelle, die ein paar Minister und höhere Beamte ereilte: Oberländer und Krüger, Schrubbers und eine Reihe von Nazi-Richtern, die sich vorzeitig in Pension begaben. Ansonsten jedoch blieb es bei der großen Aussöhnung, der verzeihenden Integrierung der einstigen Hitler-Anhänger, sofern sie keine Verbrechen begangen hatten.

Und wer vermag schon mit der nötigen Trennschärfe zu urteilen, wo es nicht um kriminelle Schuld geht, sondern um moralische Schuld? Was ist denn schlimmer: die Dissertationen grünschnäbeliger Juristen wie des vor Kurzem gestolperten niedersächsischen Justizministers Puvogel, der Hitlers Justiz antrug, "großzügig" die Entmannung gefährlicher Sittlichkeitsverbrecher "durchzuführen", und des hessischen Landesarbieitsgerichtspräsidenten Joachim, der sich — nicht mehr oder minder korrupt als mancher heutige Dissertationsschreiber — der Herrenrassen-Ideologie verschrieb; oder der Todesurteils-Antrag eines 31-jährigen Marinestabsrichters, der selbst dann, wenn man die Verworrenheit der Zeitläufte in Betracht zieht, nicht anders denn grausam genannt werden kann, rechtens zwar, doch schreiendes Unrecht, obendrein durch schnöden verwaltungsmäßigen Vollzug zur Unmenschlichkeit gestempelt, wo Bemühung, Mannhaftigkeit, vielleicht schon ein wenig Schläue genügt haben könnten, das nur scheinbar Unabwendbare abzuwenden?

Gleichwohl müssen wir uns im Umgang mit unserer Vergangenheit vor Fahrlässigkeit hüten, dürfen wir nicht einfach fünfe gerade sein lassen. Wenigstens von den führenden Staatsmännern unserer Republik müssen wir ein Mindestmaß an moralischer Lauterkeit verlangen. Und moralische Lauterkeit, auf gut deutsch, bedeutet: Einer muss das Glück gehabt haben, damals nicht in Schuld verstrickt zu werden, oder er muss, ist er verstrickt worden, beute die Demut aufbringen, es wenigstens zuzugeben. Doch nie hat man von Filbinger ein nachdenkliches warnendes Wort vernommen wie das von Herbert Wehner: "Glaubt einem Gebrannten!"

Was den Fall des Hans Karl Filbinger so vertrackt macht, ist der Umstand, dass der Mann in der Tat nicht aus dem Geiste des Nazismus schuldig geworden ist. Damit es auch der letzte Referent in jenem Stuttgarter Staatsministerium begreift, das so fleißig und beflissen Persilscheine für den Ministerpräsidenten unters Volk streut: Hier soll nicht behauptet werden, Filbinger sei ein Nazi gewesen oder kein Anti-Nazi. Wir lassen gelten, was er in seinem larmoyanten Unschuldsgebaren Mal um Mal beteuert: dass er wegen antinazistischer Gesinnung 1933 aus der Studienstiftung des Deutschen Volkes ausgeschlossen wurde; dass er dem als regimefeindlich bekannten Freundeskreis um Reinhold Schneider angehörte; dass ihm deswegen bei der ersten juristischen Staatsprüfung Vorhalte gemacht wurden; dass ihm 1938 wegen politischer Unzuverlässigkeit verwehrt wurde, eine Stellung bei der Deutschen Handelskammer in Paris anzutreten. Und es soll auch gelten, dass er als Richter in einzelnen Fällen Milderung erwirkt hat.

Bloß besagt all dies nicht viel. Es dreht sich ja nicht darum, Filbinger Nazismus anzuhängen. Es dreht sich um die Feststellung, dass er, der Nicht-Nazi, der Anti-Nazi, als Marinestabsrichter ein Als-ob-Nazi war: Er handelte, als ob er Nazi gewesen wäre. Ein Blutordensträger hätte Hitler nicht besser bedienen können (und hätte ja gewiss ebenfalls ein paar Fälle vorzuweisen, die er heute in ein Plädoyer auf mildernde Umstände einbauen könnte). Reinhold Schneider, seit 20 Jahren tot, hilft da nicht weiter. Der Ungeist, der aus Filbingers Urteilen spricht, die wir kennen, dem Manneszucht-Urteil und dem Gröger-Urteil (und vermutlich aus jenen, die wir nicht kennen) — es war nicht der nazistische Ungeist, doch war es gleichwohl Ungeist: reaktionär, unreflektiert traditionsgebunden, auf Ordnung im Glied um jeden Preis eingeschworen. Filbinger war ein Durchführer des Führers, wie Rolf Hochhuth formuliert hat. Er war ein Diener des Terrorstaates, ein Pflichterfüller im Befehlsverband; aus anderen Gründen, doch mit demselben Ergebnis.

Und so paradox dies klingen mag: Wäre Filbinger damals SS-Obersturmbannführer gewesen, und hätte er sich inzwischen vom Irrtum seiner frühen Jahre abgekehrt, es ließe sich leichter für ihn eintreten als so, da er sich in keinem Punkte gewandelt hat, sondern in allem nur immer bestätigt sieht. Er wehrt jede Schulderfahrung ab. Er gibt sich — Erhard Eppler hat da ganz recht — dem Genuss eines "pathologisch guten Gewissens" hin. Er lenkt, die Vergangenheit entwirklichend, mit Richtersprüchen über sein damaliges Denken von seinem damaligen Tun ab. Dass er an der Gemeinheit der Gewalt teilgenommen hat, verdichtet sich bei ihm nie zum Bekenntnis der Verstrickung. Er bleibt dem Obrigkeitsstaat hörig. Die politischen Umstände haben sich gewandelt; Filbinger hat sich nicht verändert.

Es führt in der Tat eine gerade Linie von Gröger-Urteil und Manneszucht-Verdikt zu dem Filbinger von heute: damals kein Nazi, heute nur ein obrigkeitlicher Demokrat. Er ist ein Mann von law and order geblieben: Zucht und Ordnung, sagte er früher, Ordnung und Recht heute; richtig übersetzt werden müsste wohl: rechts und Ordnung. Die schärfste Praxis des Radikalenerlasses im ganzen Lande wollte er zum Muster einer bundesweiten Regelung machen; von seiner Gesinnungspolizei ließ er armen Schweinen von Studenten Hilfsjobs in der Konstanzer Universitätsbibliothek verwehren, bloß weil sie als Oberschüler zum Schulstreik aufgerufen hatten. Im Streit mit seinen Universitätsprofessoren versuchte er eine Zeit lang, die Freiheit der Lehre unter die Fuchtel des Beamtenrechts zu stellen. Die Sozialdemokraten sind in seinen Augen Umstürzler. Zur Abwehr des Terrorismus— "Hier klafft eine Lücke!" — verlangte er dauernd neue, schärfere Gesetze, obwohl doch seine Verwaltung nicht einmal in der Lage war, die vorhandenen Gesetze ordentlich anzuwenden: "Wir werden uns keine Laxheit leisten." Der Matrose Gröger, der Obergefreite Petzold haben am eigenen Leibe erfahren, wo solches Denken herkommt und wo es hinführt.

Und das ist der Punkt. Es geht nicht um Parteipolitik. Es geht um die Grundwerte unserer Gemeinschaft, von denen Hans Karl Filbinger so gern redet. Am Ende geht es um die sehr persönliche Frage, wie einer mit sich selbst und unserer Demokratie im Reinen leben kann, der in Oslo hat vorführen, erschießen, "sargen" und abtransportieren lassen. Ist das eigentlich beides zugleich möglich, ist es menschlich, im Amte zu bleiben und keinerlei Einsicht, keinerlei Reue zu zeigen? - Müsste Filbinger nicht zurücktreten — oder aber zu Mutter Gröger nach Langenhagen fahren und für die eigene Person jenen läuternden Kniefall vor der Vergangenheit tun, den Willy Brandt in Warschau für das ganze deutsche Volk vollzogen hat?

Nicht jedem mag dies gegeben sein. Aber schon die geringste Spur von Demut, von Einsicht, von Erschütterung wäre überzeugender als die eherne Selbstgewissheit und Selbstgerechtigkeit des Unerschütterlichen. Es hieße dies auf jeden Fall, Menschlichkeit über Juristerei stellen, hieße, die Erinnerung an das Unmenschliche fruchtbar machen; hieße, die sterile Beschwörung der Sittengesetze in einen befreienden Akt des Gewissens verwandeln.

Wollte Gott, es gebe noch Philosophen hierzulande, die über Schuld, Scham und Sühne redeten wie einst Karl Jaspers nach dem Kriege; die Leitartikler könnten dann schweigen. So bleibt ihnen nur das Eingeständnis der Verlegenheit: Es gibt keine befriedigende Antwort auf die Fragen aus der Vergangenheit. Was immer Filbinger tut — es bleibt die Last des Gestern, die wir in unser Morgen mitschleppen. Allenfalls können wir, kann er uns die Bürde ein wenig erleichtern: indem wir bewältigen, anstatt zu verdrängen; erkennen, anstatt "zu blenden; uns durch Wahrhaftigkeit mit der Wirklichkeit versöhnen, anstatt sie rechthaberisch zu leugnen.