Wer heute eine Geschichte erzählt, der müßte sehr stark sein — das bin aber ich keineswegs —, um sich hinwegzusetzen über eine fast unbezwingliche Mode, die der Maler und Bühnenbildner und Ostasiatica-Sammler Emil Preetörius einmal so verspottet hat: "Die modernen Kunstwerke haben eine auffällige Kommentarbedürftigkeit. Man hat manchmal das Gefühl: die Künstler machen erst ihren Kommentar und dann ein Werk dazu... besonders in Deutschland. Die Deutschen haben ein merkwürdiges Verhältnis zum Schauen. Sie trauen sich erst über etwas Geschautes zu urteilen, wenn sie darüber etwas wissen. Das ist falsch."

Doch Paulines und Stasieks Geschichte zu erzählen: das ist eine Aufgabe. Eine andere, aktuellere: den Prozeß des Recherchierens ihrer Geschichte aufzuschreiben! Denn die Menschen, die heute über diese vierzig Jahre zurückliegende Tragödie sprechen: wie wenig Ähnlichkeit haben die doch mit jenen Menschen, die diese Geschichte angerichtet und ihre Hauptfigur hingerichtet haben! Und wer ein wenig Aufmerksamkeit diesem Versuch, eine tief begrabene Geschichte ans Tageslicht zu holen, widmen will — der wird eine ganze Menge erfahren über die Schwierigkeiten überhaupt, erstens Geschichten zu glauben, zweitens zu erzählen.

Überraschend ist doch bereits diese erste Erfahrung, die ich dabei machte und die ich bestritten hätte, bevor ich selber sie machen mußte: daß es nämlich viel leichter ist, eine Geschichte zu erzählen, wenn die Menschen tot sind, die sie zum Sprechen bringen soll, als wenn diese Menschen noch leben. Das ist seltsam — ja: schon dies ist höchst recherchierenswert, diese Frage, warum das so ist. Denn dies habe ich tatsächlich erfahren: daß weit stärker zum Verstummen als zum Reden die meisten Menschen bringt, wer sie befragt, um solche Ereignisse aufzuschreiben, denen diese Leute zugesehen oder die sie gemacht oder mitgemacht haben. Tatsächlich ist es viel einfacher, aus der Phantasie einen Menschen aufzubauen, den wir niemals gesehen haben — als einen darzustellen, der uns soeben noch lebendig vor Ohren und Augen trat.

Könnte der Altbürgermeister und Ortsgruppenleiter J. S., heute achtzig, von dem ich doch weiß, daß er für seine Denunziation immerhin nach dem Krieg von den Franzosen fünf Jahre bekam — nur drei saß er ab —, mir nicht mehr so beredt dartun, allein die Meineide dreier Mitbewohnerinnen und eines Gendarms hätten ihn hinter Riegel gebracht, so würde ich mühelos (und im Wortsinne: "leichtfertig) einen gradlinigen Holzschnitt dieses Mannes hergestellt haben. Jetzt jedoch, da ich soeben an seinem Tisch;saß neben seiner gelähmten Frau und in seine Augen sah, die so ehrlich, befeuert, groß und gletscherblau besonders dann auf einen blicken, wenn er einem frontal ins Gesicht lügt, ist es unendlich kompliziert, herauszufinden, wie dieser Ortsgruppenleiter vor 36 Jahren eingriff und durchgriff, als ihm zugetragen wurde, die Gemüsehändlerin Pauline Kröpf, geborene Hornberger, schlafe mit dem polnischen Kriegsgefangenen, der beim Kohlenhändler Ruser arbeite...

Ohne Frage: sehr weit zurückliegende Geschichten sind leichter zu erzählen, weil man weniger von ihnen weiß. Die Atmosphäre einer verschwundenen Zeit, die exemplarisch ist, für sie und wahrheitshaltiger als die Fakten, kann keiner mitliefern. Und wesentlich unterscheidet nur die Atmosphäre, die nicht tradierbar ist, die sich weitgehend gleichenden Fakten der verschiedenen Epochen voneinander. Zum Beispiel: Ehebruch mit einem Kriegsgefangenen, als ein Faktum auch aus anderen Zonen und Zeiten belegt, war noch im ersten der bisherigen Weltkriege gar nicht strafbar; und wenn ihn später auch Fakten, nämlich die Gesetze Hitler-Deutschlands, dann zu einem tötenden Verbrechen erklärten: erst die Atmosphäre des Polizeistaates konnte darüber ein ganzes Dorf und die benachbarte Kreisstadt in Geisteskrankheit versetzen. Und konnte bisher normalverbrauchte Bürger, einen Gemeindeförster, einen Waldarbeiter, einen Kleinbauern dazu bringen, für den Ehebrecher einen Galgen zu zimmern ...

Heute verstehen diese Männer auch nicht mehr, was sie getan haben — damals fanden sie normal, das zu tun. Atmosphäre ist vermutlich einfach die Geisteskrankheit einer Epoche im Sinne jener Einsicht Nietzsches, ohne die man gar nicht mehr auskommt, sobald man nicht nur von den zwölf Hitler-Jahren erzählen will und von der Inquisition, sondern auch von vergleichsweise gesunden, harmlosen Dezennien wie der Gründerzeit: daß nämlich Geisteskrankheit bei Individuen etwas höchst seltenes sei — jedoch bei Völkern und Zeitaltern die Regel!