Am 17. Februar 1978 druckte die ZEIT eine Leseprobe "aus einer unveröffentlichten Erzählung von Rolf Hochhuth ab: "Schwierigkeiten, die wahre Geschichte zu erzählen." Die Geschichte handelte von der Gemüsehändlerin Pauline Kröpf aus der Nähe von Lörrach, die während des Krieges eine Liebesbeziehung mit dem Polen Stasiek unterhielt und dafür ins Konzentrationslager Ravensbrück kam; Stasiek wurde gehenkt. Hochhuths Stück endete mit dem Absatz:

"Nein, niemand begehrt die Wahrheit zu wissen ... Am wenigsten sind die Behörden des Landes Baden-Württemberg daran interessiert, die in ihrem Bundesland lebenden und dort Pension verzehrenden Mörder dieses und zahlloser anderer Polen, die aus dem gleichen ,Grund' dilettantisch gehängt: das heißt erwürgt wurden, dingfest zu machen. Ist doch der amtierende Ministerpräsident dieses Landes, Dr. Filbinger, selbst als Hitlers Marinerichter, der sogar noch in britischer Gefangenschaft nach Hitlers Tod einen deutschen Matrosen mit Nazi-Gesetzen verfolgt hat, ein so furchtbarer Jurist' gewesen, daß man vermuten muß — denn die Marinerichter waren schlauer als die von Heer und Luftwaffe, sie vernichteten bei Kriegsende die Akten — er ist auf freiem Fuß nur dank des Schweigens derer, die ihn kannten."

Diese Äußerung war nicht haltbar. Auch wenn jeder, der ihn kannte und noch reden kann, reden würde, wäre Hans Filbinger auf freiem Fuß und sogar wohl Ministerpräsident.

Filbinger beantragte wegen des Hochhuth- Textes beim Landgericht Stuttgart eine einstweilige Vergügung und erhob zugleich gegen Hochhuth und den ZEIT-Verlag Klage auf Unterlassung. Der Streitwert wurde mit 100 000 Mark angegeben.

Der Schriftsteller Hochhuth hatte sich in dem beanstandeten Passus auf ein 1972 im Spiegel veröffentlichtes Kriegsgerichtsurteil bezogen, das am 29. Mai 1945 — drei Wochen nach der bedingungslosen Kapitulation der deutschen Wehrmacht — unter dem Vorsitz von Marinestabsrichter Filbinger ergangen war. Das "Feldgericht" hatte in einem "Kriegsgefangenenlager getagt und den Matrosen-Obergefreiten Kurt Olaf Petzold wegen Erregung von Mißvergnügen, Gehorsamsverweigerung und Widersetzung zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt. Anklagevorwurf: Der Matrose habe nach Kriegsende demonstrativ von dem Hoheitsabzeichen seiner Mütze und seines Uniformrocks das Hakenkreuz entfernt, sich geweigert, einem Befehl seines Batteriechefs zum Umzug in ein anderes Quartier zu gehorchen: "Ihr habt jetzt ausgeschissen, ihr Nazihunde", und habe beim Antreten im Glied durch seine schlechte Haltung die Kameraden negativ beeinflußt.

"Der Angeklagte hat es bewußt darauf angelegt, sich gegen Zucht und Ordnung aufzulehnen. Seine Äußerungen stellen ein hohes Maß von Gesinnungsverfall dar. Bei seiner Vorbildung hätte der Angeklagte in den kritischen Tagen ein Vorbild für seine Kameraden sein sollen; statt dessen hat er zersetzend und aufwiegelnd für die' Manneszucht gewirkt. Mildernd konnte nur in Betracht kommen, daß unter Umständen in der fraglichen Batterie die Verhältnisse nicht so gewesen sind, wie sie hätten sein sollen. Das Gericht sah mit Rücksicht hierauf eine Strafe von sechs Monaten Gefängnis als angemessene Sühne an."

In dem Prozeß, den Filbinger damals gegen den Spiegel anstrengte, blieb die Existenz dieses Urteils unbestritten. Der Spiegel unterlag jedoch in anderer Hinsicht: Es wurde ihm untersagt, die Behauptung zu verbreiten, Filbinger habe im Mai 1945 "unseren geliebten Führer" gerühmt, der "das Vaterland wieder hochgebracht habe" — eine Behauptung, die der ehemalige Obergefreite Petzold 1972 gegenüber dem Spiegel aufgestellt hatte. Die 17. Zivilkammer des Landgerichts Stuttgart befand:

"Die Kammer verkennt nicht, daß die Aussäge des Zeugen Petzold trotz allem einiges. Gewicht hat. Wenn, sie sich dennoch nicht von der Wahrheit der beanstandeten Behauptung zu überzeugen vermag, so letzten Endes auch deshalb, weil diese Behauptung nach dem unbestrittenen Vortrag des Klägers über sein Verhalten in der Zeit des Nationalsozialismus zu dessen Persönlichkeitsbild nicht paßt und an sich ziemlich unwahrscheinlich ist. Wenn der Kläger schon 1933 wegen seiner bekannten antinazistischen Gesinnung von der Studienstiftung des deutschen Volkes ausgeschlossen wurde und später Mitglied des als regimefeindlich bekannten Freiburger Kreises um den Dichter Reinhold Schneider angehörte (sic!), so wäre es in der Tat seltsam, wenn er Aufgerechnet nach dem Ende des Krieges, als die Anhänger des Nationalsozialismus dort, wo der Kläger sich damals aufhielt, bereits verfolgt wurden, sich offen zum Nationalsozialismus bekannt hätte."

Angesichts dieser Sachlage war die ZEIT von vornherein zu der Zusicherungv bereit, daß sie die beanstandete Hochhuth-Passage nicht wiederholen werde. Auch Rolf Hochhuth hat inzwischen öffentlich erklärt, seine Formulierung "auf freiem Fuß" sei absurd gewesen, "bestimmt werde ich sie nie wiederholen". Beim Termin vor der 17. Zivilkammer am Dienstag verpflichteten sich Hochhuth und die ZEIT, den letzten Teil des Zitats nur in dem Sinne zu wiederholen, wie es von Hochhuth gemeint gewesen war: daß Filbinger nach Kriegsende nur dank des Schweigens derer, die ihn kannten, keinen strafrechtlichen Ermittlungen wegen seiner Tätigkeit als Marinerichter ausgesetzt gewesen sei.

In einer vorläufigen rechtlichen Würdigung hatte der Vorsitzende Richter Helmut Kiesel von der ursprünglichen Formulierung gesagt, sie überschreite möglicherweise die Grenze zur Schrnähkritik; die Formulierung hingegen, Filbinger habe einen deutschen Matrosen mit Nazi-Gesetzen verfolgt, erreiche diese Grenze wahrscheinlich nicht; der Ausdruck "ein so furchtbarer Jurist" könne "eine beträchtlich ehrverletzende Wertung" sein, aber vermutlich keine, die man verbieten könne. Die Entscheidung zur beantragten einstweiligen Verfügung wird am 23. Mai verkündet, das Urteil über die Klage in der Hauptsache am 13. Juni.

Im übrigen irrte der Schriftsteller, als er schrieb, die Marinerichter hätten bei Kriegsende die Akten der von ihnen geführten Verfahren vernichtet und es sei auch von Eilbingers Tätigkeit nur jenes groteske Nachkriegsurteil geblieben. Es gibt noch Akten der Marinekriegsgerichte, wenngleich sie in Archiven über alle Welt verstreut und schwer auffindbar sind. Hochhuth selber hat inzwischen in den Vereinigten Staaten die Akte über ein Militärgerichtsverfahren aus der Kriegszeit ausgegraben, an deren letztem, furchtbaren Kapitel der damalige Marinestabsrichter Dr. Filbinger mitgeschrieben hat. Es ist das Verfahren RHJ II Nr. 28/44 vor dem Gericht des Kommandanten der Seeverteidigung Oslofjord, geführt 1944/45 gegen den deutschen Matrosen Walter Gröger und die norwegische Krankenhelferin Marie Severinsen- Lindgren. Gröger wurde sieben Wochen vor Kriegsende in Oslo erschossen. Anklagevertreter und leitender Offizier' bei der Füsilierung: Marinestabsrichter Dr. Filbinger.

Der Matrose Walter Gröger — Oberschlesier, Katholik, Sohn eines Straßenwärters — hatte sich nach einer Schlosserlehre im Jahre 1940 mit 17 Jahren freiwillig zur Kriegsmarine gemeldet. Er wurde aber kein guter Soldat. Oft "haute er über den Zapfen". Als er nach der Grundausbildung auf dem Schlachtschiff "Gneisenau" fuhr, bekam er fünf Tage Bordarrest, weil er bei Fliegeralarm nicht auf seine Station gegangen war.

Danach häuften sich die Disziplinarwidrigkeiten und Arreststrafen: drei Tage Kasernenarrest ("hat den erteilten Nachturlaub fahrlässig um fünf Minuten überschritten"); zehn Tage geschärfter Arrest wegen Überschreiten des Standorturlaubs um zwei Stunden; zehn Tage geschärfter Arrest wegen Nichtantreten zur Brandwacheneinteilung; fünfzehn Tage geschärfter Arrest wegen unerlaubtem Verlassen der Kaserne ("wurde an Land ohne Urlaubskarte und Soldbuch angetroffen"), fünf Tage strenger Arrest wegen unerlaubter Entfernung von seiner Reinschiffstation und widerrechtlichem Aneignen einer Drillichhose — der Stammrollenauszug zählt bis 10. Februar 1944 vierzehn Strafeintragungen. "Ich bin kein Engel gewesen", sagte er selber bei der Vernehmung.

Immer wieder ging es Walter Gröger um ein paar Tage Urlaub. Er machte den Norwegenfeldzug auf der "Gneisenau" mit, lag kurz in Kiel, stand dann 1941/42 vor Leningrad — Urlaub gab es nie. "Einmal habe ich Urlaub gehabt. Da wurden wir in Königsberg angehalten und mußten sofort zurück." Gröger — "Ich bitte bemerken zu dürfen, daß ich doch im Osteinsatz meinen Mann gestanden habe" — wird es am Schluß zu dumm. "Mir ist endlich die Galle hochgekommen, und man muß das verstehen. Drei Jahre habe ich keinen Urlaub gehabt. Schon deshalb kam ich auf die unglückliche Idee, mir zu Unrecht einen Urlaub durch ein unrichtiges Telegramm zu erschleichen." Er schrieb an seine Schwester und bat sie, ihm zu telegraphieren, die Mutter sei schwer erkrankt, damit er Urlaub bekomme. Die Zensur öffnete den Brief. Ergebnis: vier Monate Gefängnis wegen Urlaubserschleichung und Wehrkraftzersetzung.

Anschließend wurde Gröger in ein Strafbataillon versetzt und zum zweiten Mal an die Ostfront geschickt. Dort muß er sich gut geführt haben, denn er kam 1943 zur Marine zurück. Freilich wußte er, wie ihm später sein Abteilungskommandeur schriftlich attestierte, daß er "nur noch die Wahl zwischen der Einlieferung ins Konzentrationslager und der Rückkommandierung hatte". Bei der Kriegsmarine war das KZ als Endstation auch für unbotmäßige Soldaten also nicht nur bekannt; die Offiziere drohten offen damit und schrieben das ungeniert in die Akten.