Am 17. Februar 1978 druckte die ZEIT eine Leseprobe "aus einer unveröffentlichten Erzählung von Rolf Hochhuth ab: "Schwierigkeiten, die wahre Geschichte zu erzählen." Die Geschichte handelte von der Gemüsehändlerin Pauline Kröpf aus der Nähe von Lörrach, die während des Krieges eine Liebesbeziehung mit dem Polen Stasiek unterhielt und dafür ins Konzentrationslager Ravensbrück kam; Stasiek wurde gehenkt. Hochhuths Stück endete mit dem Absatz:

"Nein, niemand begehrt die Wahrheit zu wissen ... Am wenigsten sind die Behörden des Landes Baden-Württemberg daran interessiert, die in ihrem Bundesland lebenden und dort Pension verzehrenden Mörder dieses und zahlloser anderer Polen, die aus dem gleichen ,Grund' dilettantisch gehängt: das heißt erwürgt wurden, dingfest zu machen. Ist doch der amtierende Ministerpräsident dieses Landes, Dr. Filbinger, selbst als Hitlers Marinerichter, der sogar noch in britischer Gefangenschaft nach Hitlers Tod einen deutschen Matrosen mit Nazi-Gesetzen verfolgt hat, ein so furchtbarer Jurist' gewesen, daß man vermuten muß — denn die Marinerichter waren schlauer als die von Heer und Luftwaffe, sie vernichteten bei Kriegsende die Akten — er ist auf freiem Fuß nur dank des Schweigens derer, die ihn kannten."

Diese Äußerung war nicht haltbar. Auch wenn jeder, der ihn kannte und noch reden kann, reden würde, wäre Hans Filbinger auf freiem Fuß und sogar wohl Ministerpräsident.

Filbinger beantragte wegen des Hochhuth- Textes beim Landgericht Stuttgart eine einstweilige Vergügung und erhob zugleich gegen Hochhuth und den ZEIT-Verlag Klage auf Unterlassung. Der Streitwert wurde mit 100 000 Mark angegeben.

Der Schriftsteller Hochhuth hatte sich in dem beanstandeten Passus auf ein 1972 im Spiegel veröffentlichtes Kriegsgerichtsurteil bezogen, das am 29. Mai 1945 — drei Wochen nach der bedingungslosen Kapitulation der deutschen Wehrmacht — unter dem Vorsitz von Marinestabsrichter Filbinger ergangen war. Das "Feldgericht" hatte in einem "Kriegsgefangenenlager getagt und den Matrosen-Obergefreiten Kurt Olaf Petzold wegen Erregung von Mißvergnügen, Gehorsamsverweigerung und Widersetzung zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt. Anklagevorwurf: Der Matrose habe nach Kriegsende demonstrativ von dem Hoheitsabzeichen seiner Mütze und seines Uniformrocks das Hakenkreuz entfernt, sich geweigert, einem Befehl seines Batteriechefs zum Umzug in ein anderes Quartier zu gehorchen: "Ihr habt jetzt ausgeschissen, ihr Nazihunde", und habe beim Antreten im Glied durch seine schlechte Haltung die Kameraden negativ beeinflußt.

"Der Angeklagte hat es bewußt darauf angelegt, sich gegen Zucht und Ordnung aufzulehnen. Seine Äußerungen stellen ein hohes Maß von Gesinnungsverfall dar. Bei seiner Vorbildung hätte der Angeklagte in den kritischen Tagen ein Vorbild für seine Kameraden sein sollen; statt dessen hat er zersetzend und aufwiegelnd für die' Manneszucht gewirkt. Mildernd konnte nur in Betracht kommen, daß unter Umständen in der fraglichen Batterie die Verhältnisse nicht so gewesen sind, wie sie hätten sein sollen. Das Gericht sah mit Rücksicht hierauf eine Strafe von sechs Monaten Gefängnis als angemessene Sühne an."

In dem Prozeß, den Filbinger damals gegen den Spiegel anstrengte, blieb die Existenz dieses Urteils unbestritten. Der Spiegel unterlag jedoch in anderer Hinsicht: Es wurde ihm untersagt, die Behauptung zu verbreiten, Filbinger habe im Mai 1945 "unseren geliebten Führer" gerühmt, der "das Vaterland wieder hochgebracht habe" — eine Behauptung, die der ehemalige Obergefreite Petzold 1972 gegenüber dem Spiegel aufgestellt hatte. Die 17. Zivilkammer des Landgerichts Stuttgart befand:

"Die Kammer verkennt nicht, daß die Aussäge des Zeugen Petzold trotz allem einiges. Gewicht hat. Wenn, sie sich dennoch nicht von der Wahrheit der beanstandeten Behauptung zu überzeugen vermag, so letzten Endes auch deshalb, weil diese Behauptung nach dem unbestrittenen Vortrag des Klägers über sein Verhalten in der Zeit des Nationalsozialismus zu dessen Persönlichkeitsbild nicht paßt und an sich ziemlich unwahrscheinlich ist. Wenn der Kläger schon 1933 wegen seiner bekannten antinazistischen Gesinnung von der Studienstiftung des deutschen Volkes ausgeschlossen wurde und später Mitglied des als regimefeindlich bekannten Freiburger Kreises um den Dichter Reinhold Schneider angehörte (sic!), so wäre es in der Tat seltsam, wenn er Aufgerechnet nach dem Ende des Krieges, als die Anhänger des Nationalsozialismus dort, wo der Kläger sich damals aufhielt, bereits verfolgt wurden, sich offen zum Nationalsozialismus bekannt hätte."

Angesichts dieser Sachlage war die ZEIT von vornherein zu der Zusicherungv bereit, daß sie die beanstandete Hochhuth-Passage nicht wiederholen werde. Auch Rolf Hochhuth hat inzwischen öffentlich erklärt, seine Formulierung "auf freiem Fuß" sei absurd gewesen, "bestimmt werde ich sie nie wiederholen". Beim Termin vor der 17. Zivilkammer am Dienstag verpflichteten sich Hochhuth und die ZEIT, den letzten Teil des Zitats nur in dem Sinne zu wiederholen, wie es von Hochhuth gemeint gewesen war: daß Filbinger nach Kriegsende nur dank des Schweigens derer, die ihn kannten, keinen strafrechtlichen Ermittlungen wegen seiner Tätigkeit als Marinerichter ausgesetzt gewesen sei.

In einer vorläufigen rechtlichen Würdigung hatte der Vorsitzende Richter Helmut Kiesel von der ursprünglichen Formulierung gesagt, sie überschreite möglicherweise die Grenze zur Schrnähkritik; die Formulierung hingegen, Filbinger habe einen deutschen Matrosen mit Nazi-Gesetzen verfolgt, erreiche diese Grenze wahrscheinlich nicht; der Ausdruck "ein so furchtbarer Jurist" könne "eine beträchtlich ehrverletzende Wertung" sein, aber vermutlich keine, die man verbieten könne. Die Entscheidung zur beantragten einstweiligen Verfügung wird am 23. Mai verkündet, das Urteil über die Klage in der Hauptsache am 13. Juni.

Im übrigen irrte der Schriftsteller, als er schrieb, die Marinerichter hätten bei Kriegsende die Akten der von ihnen geführten Verfahren vernichtet und es sei auch von Eilbingers Tätigkeit nur jenes groteske Nachkriegsurteil geblieben. Es gibt noch Akten der Marinekriegsgerichte, wenngleich sie in Archiven über alle Welt verstreut und schwer auffindbar sind. Hochhuth selber hat inzwischen in den Vereinigten Staaten die Akte über ein Militärgerichtsverfahren aus der Kriegszeit ausgegraben, an deren letztem, furchtbaren Kapitel der damalige Marinestabsrichter Dr. Filbinger mitgeschrieben hat. Es ist das Verfahren RHJ II Nr. 28/44 vor dem Gericht des Kommandanten der Seeverteidigung Oslofjord, geführt 1944/45 gegen den deutschen Matrosen Walter Gröger und die norwegische Krankenhelferin Marie Severinsen- Lindgren. Gröger wurde sieben Wochen vor Kriegsende in Oslo erschossen. Anklagevertreter und leitender Offizier' bei der Füsilierung: Marinestabsrichter Dr. Filbinger.

Der Matrose Walter Gröger — Oberschlesier, Katholik, Sohn eines Straßenwärters — hatte sich nach einer Schlosserlehre im Jahre 1940 mit 17 Jahren freiwillig zur Kriegsmarine gemeldet. Er wurde aber kein guter Soldat. Oft "haute er über den Zapfen". Als er nach der Grundausbildung auf dem Schlachtschiff "Gneisenau" fuhr, bekam er fünf Tage Bordarrest, weil er bei Fliegeralarm nicht auf seine Station gegangen war.

Danach häuften sich die Disziplinarwidrigkeiten und Arreststrafen: drei Tage Kasernenarrest ("hat den erteilten Nachturlaub fahrlässig um fünf Minuten überschritten"); zehn Tage geschärfter Arrest wegen Überschreiten des Standorturlaubs um zwei Stunden; zehn Tage geschärfter Arrest wegen Nichtantreten zur Brandwacheneinteilung; fünfzehn Tage geschärfter Arrest wegen unerlaubtem Verlassen der Kaserne ("wurde an Land ohne Urlaubskarte und Soldbuch angetroffen"), fünf Tage strenger Arrest wegen unerlaubter Entfernung von seiner Reinschiffstation und widerrechtlichem Aneignen einer Drillichhose — der Stammrollenauszug zählt bis 10. Februar 1944 vierzehn Strafeintragungen. "Ich bin kein Engel gewesen", sagte er selber bei der Vernehmung.

Immer wieder ging es Walter Gröger um ein paar Tage Urlaub. Er machte den Norwegenfeldzug auf der "Gneisenau" mit, lag kurz in Kiel, stand dann 1941/42 vor Leningrad — Urlaub gab es nie. "Einmal habe ich Urlaub gehabt. Da wurden wir in Königsberg angehalten und mußten sofort zurück." Gröger — "Ich bitte bemerken zu dürfen, daß ich doch im Osteinsatz meinen Mann gestanden habe" — wird es am Schluß zu dumm. "Mir ist endlich die Galle hochgekommen, und man muß das verstehen. Drei Jahre habe ich keinen Urlaub gehabt. Schon deshalb kam ich auf die unglückliche Idee, mir zu Unrecht einen Urlaub durch ein unrichtiges Telegramm zu erschleichen." Er schrieb an seine Schwester und bat sie, ihm zu telegraphieren, die Mutter sei schwer erkrankt, damit er Urlaub bekomme. Die Zensur öffnete den Brief. Ergebnis: vier Monate Gefängnis wegen Urlaubserschleichung und Wehrkraftzersetzung.

Anschließend wurde Gröger in ein Strafbataillon versetzt und zum zweiten Mal an die Ostfront geschickt. Dort muß er sich gut geführt haben, denn er kam 1943 zur Marine zurück. Freilich wußte er, wie ihm später sein Abteilungskommandeur schriftlich attestierte, daß er "nur noch die Wahl zwischen der Einlieferung ins Konzentrationslager und der Rückkommandierung hatte". Bei der Kriegsmarine war das KZ als Endstation auch für unbotmäßige Soldaten also nicht nur bekannt; die Offiziere drohten offen damit und schrieben das ungeniert in die Akten.

Ende Oktober 1943 wurde Walter Gröger von Cuxhaven aus zum Kommando Schlachtschiff "Scharnhorst" nach Sopnis bei Narvik versetzt. Er reiste zu Schiff nach Oslo und erfuhr dort bei der Sammelstelle, daß sein Transport nach Nordnorwegen erst in etwa zehn Tage gehe. Kurz vor Ablauf dieser Frist traf Gröger an einem Osloer U-Bahnhof eine junge Norwegerin, die ihn mit nach Hause nahm. Das Mädchen hieß Solveig und war die Tochter der damals 34jährigen Marie Severinsen-Lindgren, die in einem Lazarett der "Organisation Todt" arbeitete.

Marie, Mutter zweier unehelicher Töchter, war — wenn man den Akten trauen darf — ein lebenslustiges Wesen. "Sie hatte viel Soldatenverkehr und wüste Beziehungen", sagte Gröger später über sie. Schon während des ersten, offenbar fröhlichen Abends verpaßte er den Zapfenstreich. Er schlief mit der Tochter, die er "auf sechzehn bis siebzehn" taxierte. Als er am nächsten Morgen erfuhr, daß sie erst vierzehn war, wandte er sich, wie es die Akten gestelzt vermerken, der Mutter zu und blieb fortan in deren Einzimmerwohnung im St. Olavs Hotel. Treuherzig gab er zu Protokoll: "Es ist aber nicht so gewesen, daß ich etwa mit beiden Frauen dann wechselseitig geschlechtlich verkehrt habe. Ich habe mich schlumpern lassen und mir war so alles egal. Wenn ich heute mir das überlege, dann verstehe ich mich selbst gar nicht mehr."

Marie Severinsen rührte der junge Matrose — nach ihren eigenen Worten "ein sehr romantisch veranlagter Mann, der in wirklich rührender Form von seinem Leben, seiner Heimat zu erzählen wußte. Kurz gesagt, er hatte ein anschmiegsames und wie mir schien auch reichlich hilfsbedürftiges Wesen."

Inzwischen lief die Frist für den Weitertransport ab. Irgendwann in diesen Tagen kam Gröger der Gedanke, sich endgültig aus dem Staube zu machen. Vielleicht hatte er zunächst nur Angst vor der wegen unerlaubter Abwesenheit drohenden Strafe. Vielleicht trugen auch seine Gespräche mit Marie dazu bei, die aus ihrem Haß auf das Besatzungsregime ("die deutschen Barbaren") keinen Hehl machte und der er ebenso offen sein Herz ausschüttete: Beim Militär sei er nur geschunden worden; der Krieg stünde ihm "schon lange oben am Halse"; am liebsten würde er gar nicht mehr zur Truppe zurückkehren.

Und da sagte die Marie Severinsen-Lindgren wohl zu ihm: Es wäre ja nicht schwer, über die Grenze nach Schweden zu kommen. Einem Heeres- Unteroffizier habe sie schon geholfen. Später sagte sie den Vernehmern auch, sie habe Gröger mindestens bis zur Grenze begleiten wollen. Doch gab es Schwierigkeiten: Die Tochter mußte zuerst zu den Großeltern aufs Land gebracht werden; Gröger mußte sich Zivilsachen besorgen, um den Wehrmachtsstreifen nicht aufzufallen. Von einem Norweger, der im Hause verkehrte, borgte er sich einen Anzug, seine Uniform deponierte er in einem Koffer bei der Gepäckaufbewahrung am Bahnhof.

Aber dabei blieb es dann. Gröger setzte den Fluchtplan nicht in die Tat um; er war unentschlossen. Die Frau scheint überdies selber wankend geworden zu sein: Das Vorhaben sei ihr zu schwierig, für ihn zu gefahrvoll. Derweil wuchs das Risiko mit jedem Tag, den er länger in der Wohnung blieb, denn Frau Marie hatte noch andere Soldatenbekanntschaften. Sie brachte ihre Freunde mit nach Hause — und die wunderten sich über den jungen Mann, der da in Zivil saß, sich als holländischer Handelsschiffmatrose ausgab und doch fließend Deutsch sprach, mit oberschlesischem Dialekteinschlag. Offenbar wurde auch ihm allmählich blümerant zumute: Am 1. Dezember holte er den Koffer mit der Uniform wieder vom Bahnhof ab und erwog, sich zu stellen. "

Inzwischen freilich hatte das Schicksal seinen Lauf genommen. Eines Tages, Ende November, war unter den Freunden von Frau Marie ein Hauptwachtmeister der deutschen Schutzpolizei. Er schöpfte Verdacht, unternahm aber noch nichts, bis ihm Marie die ganze Geschichte erzählte und ihn bat, Gröger aus der Patsche zu helfen. Prompt erschien daraufhin die "Geheime Feldpolizei". Gröger und seine Freundin wurden am 6. Dezember 1943 festgenommen.

Am 14. März '1944 verurteilte das Marinekriegsgericht in Oslo den Matrosen Walter Gröger wegen Fahnenflucht im Felde zu acht Jahren Zuchthaus und zum Verlust der Wehrwürdigkeit. In den Urteilsgründen heißt es:

"Für die Frage, ob bei Fahnenflucht auf Todesstrafe oder auf Zuchthausstrafe zu erkennen ist, sind die Richtlinien des Führers maßgebend. Dafür, daß der Angeklagte aus Furcht vor persönlicher Gefahr gehandelt hat, liegen keine Anhaltspunkte vor. Da auch die Lage des Einzelfalles die Manneszucht als solche nicht gefährdete, ist die Todesstrafe nicht geboten. Wiederholte und gemeinschaftliche Fahnenflucht liegen nicht vor.
Zu prüfen ist, ob versuchte Flucht ins Ausland anzunehmen ist. Bezüglich der versuchten Flucht ins Ausland gelten die allgemeinen Bestimmungen des § 43 Strafgesetzbuch über dem Versuch; von den Handlungen, welche einen Anfang der Ausführung eines Verbrechens enthalten, sind diejenigen zu scheiden, welche lediglich Vorbereitungshandlungen darstellen. Das Beschaffen des Zivilanzuges ist etwas, was auch einem Verbergen im Inland dient. Der Angeklagte will die Absicht gehabt haben, sich zu stellen. Es ist zwar nicht dazu gekommen; die Tatsache, daß er seinen 1 Koffer von der Bahn abholte, deutet aber darauf hin, daß er es beabsichtigte."

Um die Urteilsgründe zu verstehen, muß man wissen, daß im Militär-Strafgesetzbuch für Fahnenflucht Zuchthausstrafe, in schweren Fällen Todesstrafe angedroht war. Fahnenflucht konnte im Inland oder- ins Ausland begangen werden. Als Inland galten auch die von den Deutschen besetzten Gebiete. Das Kriegsgericht bewertete den Aufenthalt Grögers bei seiner norwegischen Freundin in Oslo über die vorgesehene Frist für den Weitertransport nach Narvik hinaus als vollendete Fahnenflucht im Inland.

Darüber hinaus mußte es prüfen, ob versuchte Fahnenflucht ins Ausland  - nach Schweden — vorlag. Für solche Fälle hatte Hitler am 14. April 1940 eine spezielle, das Militär-Strafgesetzbuch ergänzende Weisung erlassen: Wer beim Versuch der Flucht ins Ausland ertappt wurde, sollte "im allgemeinen" mit dem Tode bestraft werden, obgleich ansonsten die Strafe für versuchte Fahnenflucht — gegenüber der für vollendete — nach den im zivilen Strafrecht geltenden Prinzipien gemildert werden durfte.

Dieses erste Urteil gegen Walter Gröger war nach deutschem Kriegsrecht formal wohl korrekt; auch nach den Maßstaben der westlichen Kriegsalliierten, deren Gesetze für Fahnenflucht ebenfalls strenge Strafen vorsahen. Allerdings ließen zum Beispiel die Amerikaner während des ganzen Zweiten Weltkrieges nur einen einzigen Fahnenflüchtigen erschießen, Pänzer-Patton den Schützen Slovik. Die Deutschen, die im Ersten Weltkrieg 48 Soldaten hingerichtet hatten, ließen die Wehrmachtsrichter bis zum 3.1. Januar 1945 sage und schreibe 24 559 Todesurteile über Soldaten verhängen, noch einmal 5000 oder 6000 in den letzten Kriegsmonaten; insgesamt wurden 9500 bis Ende November 1944 vollstreckt.

Immerhin: Im ersten Gröger-Prozeß wurde die "Führer"-Richtlinie, die einen willkürlichen Tatbestand der Auslandsflucht geschaffen und jede Strafmilderung für den Versuch verboten hatte, nicht angewendet. Der Matrose erhob gegen das Urteil keine Einwendungen. Er bat um Frontbewährung, kam aber zur Strafverbüßung auf die Festung Akershus auf der Landzunge im Qslofjord ins Kriegswehrmachtsgefängnis.

Seine Mitangeklagte Marie Severinsep-Lindgren erhielt wegen Beihilfe zur Fahnenflucht und Wehrkraftzersetzung eine Gefängnisstrafe von zwei Jahren. Drei Monate Untersuchungshaft wurden angerechnet; doch vergeblich bemühte sich ihr Anwalt Mellbye, die Vollstreckung der Reststrafe bis Kriegsende auszusetzen: Sie müsse ihre zwei Kinder versorgen; aus dem St. Olavs Hotel sei ihre ganze Habe gestohlen worden, ihre Kleider, Schuhe und 2000 Kronen Erspartes. Alle Fürsprache half nichts. Die Norwegerin saß ihre Strafe im Gefängnis Dreibergen-Bützow bei Schwerin bis kurz vor Kriegsende ab.

Zehn Monate nach ihrer Verurteilung, am 16. Januar 1945, stand sie jedoch erneut in Oslo vor Gericht — diesmal nicht als Angeklagte, sondern als Zeugin gegen Walter Gröger.

Inzwischen hatte der Flottenchef Admiral Otto Schniewind— im Oktober 1948 vom Internationalen Militärtribunal in Nürnberg freigesprochen, 1964 in Linz gestorben — am 17. Juni 1944 das Urteil des Kriegsgerichts gegen Gröger im Schuldspruch bestätigt, im Strafausspruch aber aufgehoben, "weil auf Todesstrafe hätte, erkannt werden sollen". Der Flottenchef war "Gerichtsherr", und das hieß: Herr über alle Gerichte in seinem Befehlsbereich. Er konnte mit einem Federstrich jedes ihrer Urteile außer Kraft setzen; nur mit seiner Bestätigung erlangte ein Urteil Rechtskraft.

Und so fand am 16. Januar 1945 die zweite Hauptverhandlung gegen Gröger vor dem Kriegsgericht des Kommandanten der Seeverteidigung Qslofjord statt — bis auf den Angeklagten und seinen Verteidiger in neuer Besetzung: Gerichtsvorsitzender war nunmehr der Marineoberstabsrichter Adolf Harms, Anklagevertreter der Marinestabsrichter Dr. Hans Karl Filbinger.

Filbinger war kurz vorher noch als Richter an der Eismeerfront. In der Terminverfügung vom 18. Dezember 1944 ist für die Hauptverhandlung als Vertreter der Anklage noch der Marineoberstabsrichter Dr. Stelling genannt, der die Anklage auch im ersten Verfahren vertreten und alle Ermittlungen geführt hatte. War Stelling vor dem Termin erkrankt? War er versetzt worden? Hatte er sich vielleicht ganz einfach gedrückt, weil er kommen sah, was kommen mußte? Wir wissen nichts darüber.

In der zweiten Verhandlung wurde Walter Gröger zum Tode verurteilt — auf Antrag Filbingers. Das Protokoll vermerkt dazu knapp: "Der Vertreter der Anklage beantragte wegen Fahnenflucht im Felde die Todesstrafe, Verlust der Wehrwürdigkeit und Aberkennung der bürgerlichen Ehrenrechte auf Lebensdauer."

Noch einmal ließ in dieser Verhandlung der Matrose Walter Gröger das Motiv seines Lebens, das Motiv seines Sterbens anklingen: Urlaub. "Ich wollte", sagte er in Erinnerung an seine Zeit nach der Strafkompanie, "ein Empfehlungsschreiben mitbekommen, um beim nächsten Kommando leichter Urlaub zu erhalten. Es geschah nichts. Von der 31. S.St.K. kommend, wurde ich überall für Drecksarbeiten verwendet. Ich habe das zu fühlen bekommen."

Das zweite Urteil beruht auf den gleichen Tatsachenfeststellungen wie das erste, mit einem nicht zur Sache gehörenden Unterschied: Im ersten Urteil war das Gericht davon ausgegangen, Gröger habe während seines Strafeinsatzes an der Ostfrönt das Eiserne Kreuz 2. Klasse und die Ostmedaille erworben. Die Richter im zweiten Verfahren wußten, daß er beide Orden zu Unrecht trug: Ein Soldat hatte Gröger während der gemeinsamen Schiffsreise von Cuxhaven nach Oslo seinen damit geschmückten Überrock zur Aufbewahrung gegeben. Der falsche Rock war mit im Bahnhofs-Koffer; Gröger hatte ihn als den seinen ausgegeben, um bei den Richtern gut Wetter zu machen.

Diese Schummelei hat Gröger beim zweiten Gericht um den letzten Kredit gebracht. "Damit war er verloren", sagt heute sein damaliger Verteidiger. Während die Erstrichter noch meinten, "daß es sich bei dem Angeklagten nicht um einen hoffnungslosen Fall, sondern um einen Menschen handelt, der einen guten Kern hat", beurteilten die zweiten ihn mit gnadenloser Härte.

Dennoch — auf den Ordensbetrug allein könnten sie die Todesstrafe nicht gründen. So stützten sie sich auf die "Führer-Richtlinie über versuchte Fahnenflucht ins Ausland" und beugten mit ihrer Hilfe das Gesetzesrecht. Die Argumentation des Urteils ist von kaum zu überbietender Tücke: Wenn man dem "Führer" folge, sei "die Begriffsbestimmung über den Versuch nicht nach den Vorschriften über den Versuch im Reichsstrafgesetzbuch anzuwenden, weil es sich bei den erwähnten Richtlinien des Führers nicht um ein Gesetz, sondern lediglich um Anhaltspunkte handelt, nach denen die Fahnenflüchtigen entsprechend ihrer Strafwürdigkeit klassifiziert werden sollen". Mit anderen Worten: Obgleich das Gericht die "Führer"-Richtlinie selber nicht für gesetzesgleich erachtete, schob es unter Berufung auf sie das zugunsten des Angeklagten sprechende Gesetz beiseite.

Ob das Kriegsgericht mit dieser Urteilsbegründung dem Plädoyer des Anklagevertreters Dr. Filbinger folgte oder ob es sie selber erfinden hat, läßt sich dem Verhandlungsprotokoll nicht entnehmen. Die Plädoyers wurden in freier Rede gehalten und nicht mitgeschrieben.

Adolf Harms, Jahrgang 1900, damals der Vorsitzende des Kriegsgerichts, Landgerichtsdirektor im Ruhestand, lebt heute in Oldenburg. Er erinnert sich an den Fall: "Die Geschichte mit dem EK II." Fahnenflucht war für die Osloer Militärrichter Anfang 1945 ein ernsthaftes Problem geworden: "Schweden lag unmittelbar, vor der Haustür, und ich erinnere mich an drei Fälle, wo die Mannschaft geschlossen mit ihren kleinen Minenräumbooten geflohen ist." Immer mehr Stimmen "verlangten in solchen Fällen einfach, Rübe ab, ohne jedes Verfahren". Die Disziplin in der Truppe bröckelte, der Gerichtsherr des Osloer Kriegsgerichtes wollte scharf durchgreifen.

Richter Harms, der im Januar 1945 das Todesurteil gegen Walter Gröger aussprach, erinnert sich ebenso gut an Hans Filbinger, mit dem er von Dezember 1944 bis August 1945 nach seiner Schätzung etwa 100 Fälle verhandelte, erst in Oslo, später in der Nähe von Horten — als Richter oder als Ankläger, die Rollen wechselten von Fall zu Fall. In wenigstens vier weiteren Verfahren wurden Todesstrafen verhängt. "Filbinger war kein scharfer Hund", wie sein Vorgänger, dessen Versetzung Harm Ende 1944 erfolgreich betrieb: "Ich war damals froh, daß Filbinger kam." Dem 31jährigen Juristen ging schon damals der Ruf voraus, intelligent, ehrlich, ehrgeizig, eloquent zu sein und Zivilcourage zu besitzen. Heute wie damals schätzt Harms ihn als "streng katholisch und konservativ" ein, "ganz bestimmt kein Nazi".

Nichts anderes bezeugte Harrns 1972 im Prozeß "Filbinger gegen Spiegel ", weithin auf Harms' Aussage beruft sich Filbinger heute, wenn er immer wieder beteuert: "Meine antinazistische Einstellung war bekannt." Er-— Filbinger — sei ein entschiedener Gegner des NSRegimes gewesen und habe sich schon während der NS-Zeit zu dieser Haltung bekannt. Richter Harms, der acht Monate mit ihm zusammengearbeitet hatte, bestätigte das Gewünschte: "Wir haben so ziemlich täglich miteinander gesprochen. Aus diesen Gesprächen weiß ich, daß der Kläger (Filbinger) zu der damaligen politischen Führung eine ausgesprochen negative Einstellung gehabt hat. Ich habe nicht gehört, daß der Kläger vom geliebten Führer gesprochen hat, sondern kann bestätigen, daß er sich nicht nur über Hitler, sondern auch über das nationalsozialistische Regime negativ geäußert hat. Ob er allerdings den Namen Hitler erwähnt hat, weiß ich nicht mehr."

Des Richters Harms, im "Manneszucht"-Prozeß Ende Mai 1945 Anklagevertreter neben dem Vorsitzenden Filbinger, entsann sich der damals verurteilte Matrosen-Obergefreite Petzold, "weil er während der Verhandlung so laut gebrüllt hat. Er hat, meiner Erinnerung nach, auch mehrmals das Wort ,Führer' gebraucht". Harms bestreitet dies freilich: "Ich kann mir nicht vorstellen, daß nach dem Zusammenbruch irgend jemand bei einer solchen oder einer anderen Gelegenheit den Führer gerühmt hätte."

Das Urteil gegen Gröger hält Harms heute noch für korrekt im juristischen Sinne, wenn er es auch "mit Trauer" betrachtet. Ob man es hätte verhindern können? Ein erneutes Urteil auf Zuchthaus wäre vom Gerichtsherrn zweifellos wieder kassiert worden; der Admiral wollte die Todesstrafe, und Filbinger war als weisungsgcbundener Ankläger gehalten, sie zu fordern Eine Neuverhandlung hätte Gröger freilich über die Kapitulation hinweghelfen können. "Hätten Sie persönliche Nachteile befürchten müssen?" "Nein." Später, sechs bis acht Wochen vor der Kapitulation, "haben wir beide uns bemüht, die schweren Fälle hinauszuzögern".

Warum nicht auch im Falle Gröger? Darauf kann Harms nicht antworten, will es wohl auch nicht. "Ich kann nur hoffen, daß niemand mehr in eine solche Situation gerät."

Es gab freilich einen Mann, der die Infamie des Spruches sofort erkannte und sie dem Gericht mit einem für jene Zeit erstaunlichen Freimut vorhielt: Dr. Werner Schön, der als Marineoberstabsintendant in beiden Gerichtsverhandlungen Grögers Verteidiger war und heute als Rechtsanwalt in Hamburg lebt. Vor Gericht plädierte er auf eine Freiheitsstrafe.

Walter Gröger selber, der danach zu Worte kam, sagte unbeholfen schlicht: "Ich schließe mich den Ausführungen meines Verteidigers an. Ich bitte, soweit als möglich, um milde Umstände."

Schön beließ es damals nicht bei seinem Plädoyer; er reichte ein Gnadengesuch ein. In einer "Stellungnahme" dazu schrieb er am 22. Januar 1945, eine Woche nach dem Urteil:

"Mit der Feststellung, daß hier, nicht die Begriffsbestimmungen über den Versuch gemäß den Vorschriften des Reichsstrafgesetzbuches anzuwenden seien, räumt das Gericht indirekt ein, daß nach den normalen Vorschriften, die für den Versuch einen Anfang der Ausführungshandlung verlangen, ein solcher Versuch nicht vorliegt. Das steht im Einklang mit den Feststellungen des ersten Gerichts; das den . Angeklagten nur zu einer zeitigen Zuchthausstrafe verurteilte und das Vorliegen eines Versuchs aus Rechtsgründen ablehnte. Das Gericht kommt dann zur Annahme des Versuchs auf dem Wege, daß es die Richtlinien nicht mit der gleichen rechtlichen Schärfe behandelt wissen will, die es dem Reichsstrafgesetzbuch als solchem zubilligt. Die hierfür maßgeblichen Erwägungen erscheinen nicht haltbar ... Es ist gar nicht einzusehen, warum mit dieser logisch durchgebildeten und in jeder Weise begründeten rechtlichen Erkenntnis nicht .auch an die Richtlinien des Führers herangegangen werden soll."

Schön wurde wegen dieser Stellungnahme, die den Vorwurf der Rechtsbeugung kaum kaschiert, nicht verfolgt. Sein Gnadengesuch freilich wurde abgelehnt.

Der Anwalt Dr. Werner Schön, heute 65 Jahre alt, war — anders als die Marinerichter— nicht hauptamtlich beim Kriegsgericht tätig, sondern bearbeitete schiffahrtsrechtliche Fragen in der Marineverwaltung und wurde nur gelegentlich zur Verteidigung angeklagter Soldaten herangezogen. "Vor allem ein Gerichtsvorsitzender bat mich wiederholt, bei ihm zu verteidigen. Er sagte, er wolle nicht, daß die armen Leute ganz ohne Schutz der Übermacht von Gericht und Ankläger ausgesetzt würden."

Schön kann sich heute an keinen Fall erinnern, in dem ein Anklagevertreter entgegen der Weisung des Flottenchefs auch in der zweiten Hauptverhandlung nur Zuchthausstrafe an Stelle der geforderten Todesstrafe beantragt hätte. Aber er weiß von einem Verfahren wegen Wehrkraftzersetzung zu berichten, in dem er ebenfalls verteidigt hat und in dem sich das Gericht über die Weisung von oben hinwegsetzte:

"Der Mann war in der ersten Hauptverhandlung zu drei Jahren Zuchthaus verurteilt worden. Das Urteil wurde aufgehoben und die Todesstrafe gefordert. Nach der zweiten Verhandlung lautete das Urteil jedoch wieder auf drei Jahre Zuchthaus. Abermalige Aufhebung. Die dritte Verhandlung wurde auf den 30. April 1945 angesetzt. Unmittelbar vor Sitzungsbeginn kam aus Berlin die Nachricht von Hitlers Tod. Der Vorsitzende, ein Herr mit eisgrauen Haaren, eröffnete die Sitzung mit dem Hinweis, das Gericht sehe sich angesichts der erschütternden Nachricht vom Heldentod unseres geliebten Führers außerstande, über die Verbrechen eines solchen Strolchs wie des Angeklagten zu verhandeln."

Anschließend begaben sich die Herren Richter, der Anklagevertreter und der Verteidiger ins Offizierskasino. Auf dem Wege dorthin erhielt Werner Schön plötzlich einen Rippenstoß. Neben ihm ging der Vorsitzende mit den eisgrauen Haaren. Er flüsterte: "Wir werden doch nicht jetzt noch ein solches Verfahren veranstalten!"

Soviel listige Menschlichkeit waltete im Falle Gröger nicht. Gnade vermöchte der Verteidiger Schön nicht zu erwirken. Auch eine Beurteilung durch den Hauptmann Balzereit, Kompanieführer im Wehrmachtsgefängnis Akershus, half dem Matrosen Walter Gröger nichts mehr. Darin hieß es: "Bis zu" seiner zweiten Verhandlung wurde Gröger im Arbeitseinsatz innerhalb der Anstalt verwendet: Durch seine Aufrichtigkeit erwarb er sich das Vertrauen seines Vorgesetzten und des Wachpersonals. Er bezeugte dies durch Fleiß und Sauberkeit. Seine Offenheit und sein kameradschaftliches Verhalten wirkte sich auf seine bestraften Arbeitskameraden aus. Im allgemeinen kann seine Führung als sehr gut bezeichnet werden."

Am 15. März 1945 — zwei Monate nach dem Urteil, sieben Wochen vor Kriegsende — verfügte Marinestabsrichter Dr. Filbinger "für den Gerichtsherrn":

1. Die Vollstreckung der Todesstrafe an dem Matrosen II Walter Gröger durch Erschießen erfolgt am 16. 3. 1945, 16 Uhr auf dem Gelände der Festung Akershus.
2. Leitender Offizier für das Vollstreckungsverfahren ist Marinestabsrichter Dr. Filbinger.
3. Die zum Vollzug der Todesstrafe bestimmte Abteilung und eine weitere Abteilung in Zugstärke ist von der 1. Komp. Marine- Ersatzabteilung Oslo zu gesteilen.
4. Als Sanitätsoffizier wird Marinestabsarzt Bock vom Kommando M.E.A. Oslo kommandiert.
5. Als Wehrmachtsgeistlicher wird zugezogen der Kriegspfarrer Hollstagge.
6. Weiter erforderlich werdende Maßnahmen werden vom Untersuchungsführer getroffen.

Tags darauf wurde dem Marinestabsrichter Dr. Filbinger und dem Marinejustizinspektor Magerle im Kriegswehrmachtsgefängnis Oslo- Akershus der Matrose II Walter Gröger vorgeführt. In der dürren, mitleidlosen Aktensprache, die dem grausamen Vorgang so angemessen ist, heißt es darüber:

"Demselben wurde um 14.05 Uhr durch den unterzeichneten Richter bekanntgegeben, daß der Oberbefehlshaber der Kriegsmarine das Feldurteil vom 16. Januar 1945 am 23. Februar 1945 dahingehend bestätigt hat, daß der Angeklagte wegen Fahnenflucht im Felde zum Tode, zur Wehrunwürdigkeit und zum Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte auf Lebenszeit verurteilt wird. Es ist ihm weiter bekanntzugeben, daß die Vollstreckung des Urteils angeordnet und ein Gnadenerweis abgelehnt ist und die Vollstreckung des Urteils um 16 Uhr erfolgt."

Mit zittriger Hand schrieb der Verurteilte sein "Walter Gröger" auf das Eröffnungsprotokoll. Von irgendwelchem tröstenden Zuspruch des badischen Katholiken Filbinger für den schlesischen Katholiken Gröger vermerkte def Justiz-Inspektor Magerle nichts.

Das Urteil wurde zwei Stunden später vollstreckt. Anwesend waren Filbinger als leitender Offizier, Arzt, Justizinspektor, Pfarrer, ein Zug der Marineersatzabteilung Oslo. Die "Niederschrift" über den Vollzug der Todesstrafe vermerkt:

"Der Verurteilte stand um 16 Uhr mit verbundenen Augen auf dem Richtplatz. Die angetretene Einheit stand auf Kommando 'Gewehr über' still. Der leitende Offizier las dem Verurteilten die Urteilsformel und die Bestätigungsverfügung vor. Der Verurteilte erklärte nichts. Der Geistliche erhielt letztmalig Gelegenheit zu Zuspruch. Das Vollzugskommando von 10 Mann war fünf Schritte vor dem Verurteilten aufgestellt. Das Kommando ,Feuer' erfolgte um 16.02 Uhr. Der Verurteilte starb um 16.04 Uhr. Der Sanitätsoffizier stellte den Tod um 16.0? Uhr fest. Die Leiche wurde durch das Wachpersonal gesargt" und zum Zwecke der Bestattung abtransportiert." Unterschrift: Dr. Filbinger, Marinestabsrichter, und Magerle, Marinejustizinspektor.

Walter Gröger war noch keine 23 Jahre alt, als er starb. Seine Eltern erhielten keine Todesnachricht. Wohl verfügte Filbinger am 19. März die Zurücksendung der Personalakten Gröger an die Personalabteilung in Buxtehude und der Strafakten an das Gerichtsaktenarchiv der Kriegsmarine in Rieseby; die-Angehörigen ließ er außer acht.

Unaufhaltsam, wie deutsche Beamte sind, Niederlage hin oder her, vermerkte am 23. Mai ein Marinejustizinspektor Schlugnus (nur handschriftlich) auf dem Deckblatt des Feldurteils, daß es am 23. 2.1945 rechtskräftig geworden und am 16. 3. 1945 durch Erschießen vollstreckt worden sei. Am gleichen Tage fertigte ein anderer Beamter den Vermerk: "Infolge der Kriegsereignisse ist eine Abgabe der Akten an Gericht 2. A.d.W. nicht mehr durchführbar. Aktenumlauf und Benachrichtigungen der Angehörigen und vorgesehenen Dienststellen können unterbleiben. Abgabenachricht nicht mehr erforderlich."

Und — Kontinuität und Vorausschau über alles — der Beamte setzte hinzu: "Akten und Urteil 1976 vernichten. Karteikarte fertigen. Weglegen."

Marie Lindgren hat vom Schicksal ihres jungen Freundes Walter bis heute nichts gewußt. Sie ist heute 69 Jahre alt und lebt im Industriestädtchen Nosstam Oslofjord. Seit Jahren sitzt sie stundenlang jeden Tag vor dem Schwarzweißfernseher in ihrem kleinen Zimmer. Ihre Beine sind geschwollen, ihre Nerven mitgenommen. Zwei Jahre in Gefängnissen und KZ's des Dritten Reiches haben ihre Gesundheit ruiniert. Sie brach zusammen, als sie vor wenigen Tagen vom Ende Walter Groggrs erfuhr. Dann begann sie zu erzählen:

"Als Putzfrau scheuerte ich damals die Böden des deutschen Krankenhauses. Wenn ich frei hatte, ging ich manchmal in den Löwenbräukeller. An einem Abend traf ich Walter. Seinen Nachnamen habe ich nie richtig verstanden. Walter war Matrose. Ein junger, höflicher Mann. Er fragte mich: ,Kann ich bei dir bleiben? Ich weiß nicht, wo ich schlafen soll.' Ich habe immer gern Leuten geholfen, die Hilfe brauchten und nahm ihn mit. Ich wohnte in einem kleinen Zimmer im Zentrum. Walter blieb fast immer zu Hause. Wenn ich vom Putzen zurückkam, brachte ich immer was zu Essen mit. Wir unterhielten uns meistens mit der Fingersprache. Ich verstand kaum Deutsch. Walter war schwermütig. Er hatte furchtbares Heimweh. Manchmal sprach er vom Krieg. Er haßte ihn. Er wollte nicht mehr kämpfen. Alles war verrückt. Er wollte nach Hause. Ich dachte wie er. Allerdings dachte ich nie, daß er abgehauen war. Hätte ich das gewußt, hätte ich ihn dennoch aufgenommen. Noch ungefähr einer Woche war die Gestapo da.
Walter sah ich erst bei der Verhandlung wieder. Ich hatte noch nie vor einem Richter gestanden. Dieser hier schrie mich gleich an. ,Du bist schlimmer als ein Tier. Zu einer Ratte müßtest du Sie sagen. Du bist nicht einmal wert, daß man dir Unkraut zu essen gibt. Du bist ein nichtsnutziger Teufel, ein Schmarotzer der Menschheit. Deine Verbrechen am deutschen Volk sind so schwer, daß wir dich sofort erschießen sollten. Du hast einem deutschen Soldaten geholfen, Fahnenflucht zu begehen. Du wirst dem Erdboden gleichgemacht werden. Du bist eine nichtsnutzige Hure, die es mit jedem treibt. Der gesunde deutsche Geist wird sich an deiner Tätigkeit rächen.'
Ich fühlte mich nicht länger als Mensch. Der Ankläger sah gut aus. Seine Worte waren Gift. Hilflos, eingekeilt von den Wachen war ich auf die Hilfe des Übersetzers angewiesen. Die meisten Worte, die er sagte, hatte ich in meinem Leben nie gehört. Aber ich konnte nicht antworten. Immer, wenn ich sagte: ,Ich habe Walter gern. Ich fragte nicht nach dem, was er gemacht hat. Ich will ihm helfen', brüllte er mich an: ,Schwein, Nutte, Spion!'
Am Ende sollte ich für zwei Jahre ins Zuchthaus. Ich blieb noch in Oslo. Dann wurde ich plötzlich noch einmal dem Gericht vorgeführt. Der Ton änderte sich nicht: .Drecksau, Tier.' Walter war wieder da. Er sah noch schwermutiger aus. Wir waren getrennt. Mein Urteil änderte sich nicht: Zwei Jahre. In Deutschland verstand ich nichts mehr. Die wollten uns töten. Im Zuchthaus Dreibergen war eine Wärterin, die ließ uns im Winter immer um Mitternacht zwei Stunden draußen auf dem Betonhof stehen. Folke Bernadotte rettete uns. Unter deutschem Beschuß kamen wir nach Schweden, dann nach Norwegen.
Ich wache oft nachts auf und sehe den Ankläger vor mir: ,Du bist ein Tier, schlimmer als eine Ratte.' Ich weiß nicht, was aus ihm geworden ist. Ich bin immer noch arm. Habe im Leben nie Reichtum gehabt. Alles, was ich mir wünsche, daß er und seine Helfershelfer, die so viele Verbrechen begangen haben, verurteilt werden. Wenn das auf Erden keiner tut, wird das in der Ewigkeit geschehen. Dahin können sie nichts mitnehmen, weder Reichtum noch Macht. Doch, hoffentlich gibt es da für sie, weil es die Ewigkeit ist, einen gnädigen Gott."

Die Mutter Anna Gröger lebt heute als Mittsiebzigerin in Langenhagen bei Hannover. Erst in der vorigen Woche hat sie erfahren, was mit ihrem Sohn tatsächlich geschehen ist. Bisher hatte sie nur gewußt: Walter ist im März 1945 ums Leben gekommen. Wo, wie, durch wen — all das hörte sie erst am Donnerstag vergangener "Woche, als der Schriftsteller Rolf Hochhuth sie anrief und ihr in einem halbstündigen Telephongespräch die erschreckende Gewißheit brachte.

Anna Gröger war im März 1945 schon auf der Flucht. Über die Tschechoslowakei geriet sie in die Niederlausitz, sowjetische Besatzungszone. Zunächst schrieb eine Verwandte aus Friesland an die Suchstelle in Westberlin. Eine Karte kam zurück: Im März 1945 sei Walter gestorben: Todesursache und Todesart unbekannt. Anna Gröger mochte es nicht wahrhaben: "Ich glaub's nicht, daß Walter gestorben ist, wo er im März doch noch geschrieben hatte." Und sie hatte auch Grund zum Zweifeln: Schon einmal war ihr Sohn ja totgesagt worden, Ende 1943, als der Panzerkreuzer "Scharnhorst" nach einem Gefecht mit den Sicherungsschiffen des alliierten Konvois JW 55 B im Eismeer versank.

"Ich erinnere mich daran, als sei es gestern gewesen", berichtet Anna Gröger heute. "Am 26. Dezember kam morgens um sieben die Nachricht vom Untergang des Schiffes. Im Radio hörten wir damals immer heimlich den englischen Sender. Von den 1600 Besatzungsmitgliedern wurden zweiunddreißig geborgen. Wir klammerten uns an diese Zahl, unser Walter mußte dazugehören." Im Februar 1944 traf bei den Grögers in Mohrau jedoch eine Todesnachricht ein. Absender: Ostseestation Kiel 2. Im Herbst kam der Dank des Vaterlandes nach: ein Ölbild mit dem Titel "Seemannsgrab" und ein Handschreiben von der "Frauenschaft Berlin". Kurz danach die Überraschung: Walter schrieb an seine Mutter — aus Oslo. Er saß dort im Wehrmachtsgefängnis.

"Alles hat er uns mitgeteilt, ganz offen", sagt Frau Gröger. Ihre Erinnerung: "Walter hatte Julklapp gefeiert, das Fest der Wintersonnenwende. Mit einem halben Dutzend Kameraden war er an Land gegangen. Als die "Scharnhorst" hinausgeschickt worden war, blieb er in Oslo. Nun habe er 'etwas von Partisanen' nach Hause geschrieben, beim Grenzübergang nach Schweden hat man ihn mit anderen erwischt. Weil er der Jüngste war, habe er nicht gleich ein Todesurteil bekommen, sondern acht Jahre Zuchthaus, die Strafe für Fahnenflucht." Dem zweiten Brief des Sohnes lag ein Schreiben des Osloer Gefängnispfarrers bei: Trost für die Mutter, Bitte um Verständnis. Ein letztes Zeichen vom einzigen Sohn erreichte Frau Gröger schon auf der Flucht. Walter bedauerte das Los der Eltern und Schwestern: Sie müßten flüchten, während er in Oslo müßig herumsitze.

"Wir haben niemals so etwas Schlimmes befürchtet", erzählt Anna Gröger heute. "Für uns stand fest, Walter werde nach Kriegsende einer der ersten sein, die zurückkehren."

Aus Spremberg in der Niederlausitz hatte sie 1954 in ihrer steilen Sütterlin-Schrift einen rührenden Brief nach Flensburg geschrieben:

"Ich wende mich mit der Bitte an den Oberstaatsanwalt Flensburg, Marinearchiv, um eine Bestätigung, daß mein Sohn, der Matrose Walter Gröger, geboren am 27. 6.1922, Mohrau, Kreis Neisse / O./S. in Oslo, Norwegen im April '45 soll erschossen worden sein. Er wurde im März *44 wegen Fahnenflucht zu zwölf Jahren Zuchthaus verurteilt. Mir wurde nur kurz von der Vermißtenstelle mitgeteilt, daß er im April '45 in Greifsen in Norwegen gestorben ist. Sollten Sie nicht in der Lage sein, mir ein amtliches Schreiben zu geben, so bitte ich Sie, mir die Anschrift von der Stelle mitzuteilen, wo ich das erfahren kann. Es soll eine englische Dienststelle in Hamburg sein, die diese Nachricht gegeben hat. Sie können verstehen, wenn man einen einzigen Sohn besessen hat, daß man auch über den Tod etwas Genaues wissen möchte.
Für Ihre Bemühungen im voraus dankend Frau Anna Gröger"

Damals erhielt sie aus Flensburg die dürftige Auskunft, ihr Sohn sei wegen Fahnenflucht zum Tode verurteilt und hingerichtet worden. Er habe versucht, mit einer Norwegerin nach Schweden zu flüchten. Der Sachbearbeiter fügte hinzu: "Den Ort der Beisetzung habe ich der Akte nicht entnehmen können."

Inzwischen ist Anna Gröger lange schon in der Bundesrepublik und lebt bei ihrer Tochter — eine gefaßte, leidenschaftslose Greisin, die der Zweite Weltkrieg schwer gebeutelt und die nun dennoch von sich sagt: "Die Wunden sind verheilt." Erst von Hochhuth erfuhr die Familie vom Ende des Ältesten nach der Umwandlung der Zuchthausstrafe in ein Todesurteil. Die Mutter versteht das nicht: "Ich möchte bloß einmal wissen, wer das angeordnet hat." Die Teilnahme des derzeitigen baden-württembergischen Ministerpräsidenten an jenen Ereignissen erschüttert sie. "Ausgerechnet Herr Filbinger", sagt sie. "Der hat immer so nett ausgesehen."

Die ZEIT hat Ministerpräsident Filbinger die Unterlagen über seine Mitwirkung im Fälle Gröger vorige Woche zur Einsicht und Stellungnahme überlassen; ZEIT-Redakteur Hans Schueler suchte ihn in seiner Wohnung auf der Solitüde auf. Filbinger konnte sich an den Fall nicht erinnern. Er erklärte der ZEIT, er habe auf Grund seiner antinationalsozialistischen Einstelllung damals alles versucht, um von der Kriegsgerichtsbarkeit wegzukommen und wieder als Offizier in der Truppe zu dienen. So habe er sich noch im Jahre 1943 freiwillig zur U-Boot-Waffe gemeldet (er wurde am 21. März 1943 "Uk" gestellt), obgleich dies zu jener Zeit dank der Ortungsmöglichkeiten des Gegners schon ein "Himmelfahrtskommando" gewesen sei. Seine Bewerbung sei abgelehnt worden. Dies könne er beweisen.

Der Ministerpräsident wiederholte auch, daß er sich in mehreren Fällen mit Erfolg für Leute eingesetzt habe, die wegen "Wehrkraftzersetzung" angeklagt oder schon verurteilt waren. So habe er für den zum Tode verurteilten Militärpfarrer Karl Heinz Möbius eine Revision des Urteils erreicht und als Ankläger im Kriegsgerichtsverfahren gegen den Oberleutnant Guido Forstmeier die Todesstrafe verhindern können. Beide Männer leben noch und haben Filbinger seinen Einsatz zu ihren Gunsten in schriftlichen Erklärungen aus den Jahren 1975 und 1976 bestätigt. Zum Falle Möbius erklärte Pfarrer Arthur Heinrichs, der mit Möbius im Stab des Admirals Polarküste war: "Es kann kein Zweifel darüber bestehen, daß das Eingreifen des damaligen Stabsrichters Dr. Filbinger entscheidend zu diesem Ergebnis beigetragen hat." Und Guido Forstmeier versicherte: "Er (Filbinger) hat das Unglaubliche . geschafft: Statt Tod kam die Degradierung und Gefängnis.  Was Filbinger für mich und auch andere geleistet hat, gehört zu den verehrungswürdigsten menschlichen Leistungen, die ich erlebt habe."

Das Todesurteil vom 16. Januar 1945, meinte Filbinger nach der Lektüre der Akten, sei unabwendbar gewesen, nachdem der Flottenchef als Gerichtsherr den früheren Strafausspruch aufgehoben hatte. Ihm sei als Anklagevertreter keine andere Wahl geblieben, als die Todesstrafe zu beantragen. Jeder andere Antrag wäre Befehlsverweigerung gewesen und hätte zu einem Kriegsgerichtsverfahren gegen den Ankläger geführt.