ZEIT Online: Zu den Anschlägen in Algier am Mittwoch hat sich die „al-Qaida des Islamischen Maghrebs“ bekannt. Wer steckt hinter dieser Gruppe?

Isabelle Werenfels: Entstanden ist sie aus der Bewegung GSPC (Groupe Salafiste pour la Prédication et le Combat), die sich 1996 während des algerischen Bürgerkrieges von der GIA (Groupes Islamistes Armés) abgespalten hat. Ursprünglich ging es der GSPC um den Sturz des algerischen Regimes, daher die gezielten Anschläge auf die algerischen Behörden und Sicherheitskräfte. Zivile Opfer hat sie in der Regel vermieden. Aber sie war auch für die Entführung der 32 europäischen Touristen in der Sahara 2003 verantwortlich. Generell kann man sagen, dass sich die GSPC stets zwischen Kriminalität und politischer Legalität bewegt hat.
Seit 2003 ungefähr gab es von der GSPC immer weitere Versuche, sich mit den Widerstandsgruppen im Irak zu solidarisieren – sowohl mit al-Qaida nahen Gruppen, als auch mit al-Qaida selbst. Das ging einher mit einem Führungswechsel: Heute besteht die Führung aus Kämpfern, die hauptsächlich in Afghanistan ausgebildet worden sind. Die Umbenennung in „al-Qaida des Islamischen Maghrebs“ im Januar diesen Jahres gab der Tendenz dann auch nach außen einen internationalen Anstrich. Und man kann schon seit einigen Jahren von einer „pan-Maghrebisierung“ der GSPC sprechen. Ein deutliches Zeichen dafür ist, dass immer mehr Tunesier und Marokkaner in den vergangenen Jahren rekrutiert wurden. Ayman Al-Sawahiri, die Nummer 2 von al-Qaida, will seit langem neue Fronten im Maghreb öffnen.

ZEIT Online: Was sind die Ziele der GSPC?

Werenfels: Unmittelbar ging es bei den Anschlägen vom Mittwoch wohl darum, vor den Parlamentswahlen im Mai Signale zu setzen, mit dem Ziel, den Versöhnungsprozess von Präsident Bouteflika zu schwächen und das Land zu destabilisieren. Es geht auch um internationale mediale Aufmerksamkeit. Dadurch soll die Rekrutierung neuer Mitglieder vorangetrieben werden. Und je repressiver ein Regime ist, und das algerische ist zweifellos kein demokratisches, umso einfacher ist es, Jugendliche für die Ziele solcher Gruppierungen zu gewinnen.

ZEIT Online: Diese Attentate setzen auch Signale gegen die wirtschaftlichen und außenpolitischen Orientierungen der algerischen Regierung.

Werenfels: In der Tat hat sich Algerien nach Ende des Bürgerkrieges in den 1990er Jahren stabilisiert und ist zu einem angesehenen internationalen Partner in Wirtschafts- und Sicherheitsfragen geworden. Nicht zuletzt hängt das mit den Erdgasvorkommen zusammen, aber auch mit der Außenpolitik von Bouteflika generell, die relativ pro-westlich ist. Es gibt eine enge Kooperation mit den Amerikanern im Kampf gegen den internationalen Terrorismus. Das sind natürlich Dinge, die diesen Gruppierungen ein Dorn im Auge sind. Konkret möchte man die Ausländer in Algerien bekämpfen, das ist in Erklärungen immer wieder herausgekommen. Seit Dezember wurden zwei Anschläge verübt, die internationale Firmen zum Ziel hatten. Das eine war zum Beispiel ein Joint-Venture von Halliburton mit einem algerischen Konzern. Aber letztlich unterscheidet es sich inhaltlich nicht mehr allzu stark von dem, was derartige Gruppierungen auch in den anderen Staaten wollen: Sie wollen die westlichen Mächte bekämpfen und sie wollen die arabischen Regierungen stürzen, die mit der westlichen Welt kooperieren.