Herr Goosen, Ihr aktuelles Programm "A40" trägt den Untertitel "Geschichten von hier." Der Titel wird Ihren Ruf als Ruhrgebiets-Künstler gerecht.
Goosen:
Braucht es auch gar nicht mehr. In den ersten beiden Büchern - Liegen lernen und Pokorny lacht - stand ja gar nicht, wo die Handlung spielt. Trotzdem wurden schon die immer als Ruhrgebietsbücher wahrgenommen. Das spricht dafür, dass meine Bücher damals schon weiter waren als ich selber. Ich wollte früher nicht der Ruhrgebietskumpel sein, von solchen Überlegungen habe ich mich aber mittlerweile freigemacht, ich bekenne mich jetzt dazu. Ich bin jetzt der Heimatdichter.

Wären Sie mit dieser Festlegung früher unglücklich gewesen?
Goosen: Ich habe ein paar Jahre naiverweise geglaubt, ich dürfe mich nicht festlegen lassen. Dann habe ich aber gemerkt, dass ich so fest hierhin gehöre, dass es vielleicht sogar ein bisschen meine Mission ist, diese Gegend humoristisch zu durchdringen. Seit ich das gemerkt habe, habe ich mich total freigeschrieben und in Bühnenprogrammen freigespielt.

Kann man die mentalen Alleinstellungsmerkmale des Ruhrpotts benennen?
Goosen: Uns geht ja der Ruf voraus, es nicht so mit der Höflichkeit zu haben. Das stimmt vielleicht, macht aber auch frei. Meine Frau stammt aus Franken, in dieser Gegend wird ja nicht die kleinste Portion Selbstironie geübt. Wenn man da mit einer klein wenig deftigeren Sprache kommt, denken die gleich, man will sie überfallen.

Der Ruhri spricht Klartext. Sonst noch was?
Goosen: Die Region durchzieht ein gewisser Stolz auf das, was früher hier passiert ist. Das, was man im Soziologenslang Strukturwandel nennt, hätte ja auch ganz schön in die Hose gehen können. Dann wäre das Ruhrgebiet jetzt ein einziger Slum. Für das, was da geleistet wurde, kann man auch mal ein bisschen Respekt einfordern.

Aber gewiss doch. Mittlerweile ist aber das Klischee nicht mehr der graue Himmel über der Ruhr. Sondern, dass angeblich ganz Deutschland an alten, hässlichen Ruhrgebiets-Klischees festhalte.
Goosen:
Wir haben doch auch das Recht uns zu stilisieren! Ist es nicht viel peinlicher, sich selbst zu Blasmusik mit der Hand auf den Arsch der Lederhose zu hauen, wo man seit 100 Jahren keine Kuh mehr auf die Alm getrieben hat? Und an den Klischees ist ja auch etwas dran. Unsere Generation will ja angeblich mit der Einstellung, das Leben sei Arbeit, nichts mehr zu tun haben. Trotzdem ist hier der "Malocher" schichtenübergreifend positiv besetzt.

Dass Ihr Leib- und Magenverein, der VfL Bochum, den Kultus der ehrlichen Arbeit verkörpert, suggerieren auch die Filme von Ben Redelings. "Die Elf des VfL", ist eine Hommage an die alten Bochumer Recken wie Jupp Kaczor und Michael Lameck. Also an echte Fußballmalocher, die ihrem Verein jahrzehntelang die Treue hielten.
Goosen: Der VfL muss sich seine Mythen erst langsam aufbauen, deswegen sind die beiden Filme von Ben Redelings auch so wichtig. In Dortmund und auf Schalke haben sich Leute in der Kneipe getroffen und haben einen Fußballverein gegründet. Der VfL hingegen ist 1938 aus mehreren Vereinen zusammengewürfelt worden. 1971 begann dann der Ruf als unabsteigbarer Klub. Deswegen bilden Lameck, Tenhagen und Kaczor diesen Grundstock an mythischen Spielerfiguren. Es ist eben auch eine sympathische menschliche Regung, zu wollen, dass nicht Geld allein alles bestimmt.