Die britischen Kinderschutzsysteme stehen seit Anfang des Jahres erneut in der öffentlichen Kritik. Im Februar wurden die Eltern eines vierjährigen Mädchens zu 11 ½ bzw. 12 ½ Jahren Gefängnis verurteilt. Sie hatten ihre behinderte Tochter sieben Wochen lang schwer misshandelt: Sie verbrühten die Hände ihrer kleinen Tochter mit kochendem Wasser, traten auf das Mädchen ein, rissen ihm die Haare aus, zwangen es, nackt in der Toilette zu schlafen und seine eigenen Fäkalien zu essen. Ein Detectiv Sergeant der Kinderschutzeinheit der Londoner Polizei gestand dem britischen Observer : "Das waren die schlimmsten Verletzungen, die ich je gesehen habe."

Die sozialen Dienste in Westminster (London) hatten das Mädchen zunächst wegen Gewalttätigkeiten in der Familie in eine Pflegefamilie überwiesen. Aber im Januar 2005 wurde entschieden, dass es – trotz großer Bedenken der Pflegefamilien – zurück in seine Familie kehren sollte. Die Misshandlungen begannen unmittelbar danach. Die sozialen Dienste besuchten die Familie in der folgenden Zeit zwanzigmal; fünfmal akzeptierten sie die Entschuldigung, dass Mädchen sei gerade mit dem Vater ausgegangen; Verletzungen wurden zu leichtfertig als Unfall akzeptiert. Erst als die Großmutter Verdacht schöpfte und die Sozialen Dienste alarmierte, griffen diese zusammen mit der Polizei ein und konnten die schwer verletzte Kleine gerade noch vor dem sicheren Tod retten.

"Seit fünf Jahren verschwindet der Kinderschutz vor unseren Augen." Zu diesem Schluss kommt Liz Davies, die an der London Metropolitan University Soziale Arbeit lehrt und die Fehler im Kinderschutzsystem, die immer wieder zu solch eklatanten Fehlentscheidungen führen, auf die Schwächung zentraler Instrumente zurückführt.

Das englische Kinderschutzregister, eine zentrale Datenbank zur Erfassung der Fälle gravierender physischer, emotionaler und sexueller Misshandlung und Vernachlässigung, das bisher zum Informationsaustausch und zur Koordinierung der Hilfeangebote verschiedener Dienste effektiv funktioniert habe, werde sukzessive abgeschafft. In gemeinsamen Konferenzen entwickeln bisher die verantwortlichen Sozialarbeiter, eventuell auch Ärzte und Mitarbeiter der Polizei, der Krankenhäuser etc. sowie Eltern oder Pflegeeltern und die Kinder selbst (wenn sie alt genug sind) einen Hilfeplan zum Schutz des Kindes. Der Erfolg des Hilfeprozesses wurde regelmäßig überprüft.

Die neue zentrale Kinderdatenbank für alle Kinder in England - zusammengesetzt aus "ContactPoints" (Kinderdateien), die von den lokalen Verwaltungen in 150 Bezirken aufgebaut und kontrolliert werden - ersetzt nach und nach das Kinderschutzregister und die direkte Hilfe für akut gefährdete Kinder vor Ort. Computerbasierte Assessments dieser Bezirksstellen und der hinzugezogenen sozialen Dienste identifizieren jetzt nach formalen Kriterien Risikoindikatoren, die nicht nur Kinderschutz-, sondern ganz allgemein Kinderfürsorgemaßnahmen begründen. Aber, so Davies, diese allumfassende Datei gefährde den Kinderschutz und sei nichts anderes als ein effektives Instrument zur Überwachung der Bevölkerung.

Ein enges Zeitlimit, formale Zielvorgaben und der bürokratische Aufwand beim Führen von Dateien unterminieren die Bedeutung professionellen Urteilens und Handelns und lassen wenig Zeit für den Aufbau von Beziehungen zu Kindern und ihren Familien vor Ort. Entprofessionalisierung und der Abzug von Ressourcen – durch Stellenstreichungen bei den sogenannten "frontline services" – hätten zu einem dramatischen Abbau des Umfangs und der Qualität der Kinderschutzsysteme geführt: Das Risiko für Kinder wie für die Vierjährige aus Westminster werde deshalb wachsen.