Michael Moore ist kein sonderlich netter Mensch, so viel ist klar. Aber ist er ein guter Dokumentarfilmer? Ein ehrlicher Dokumentarfilmer? Oder schließt sich beides sowieso aus? Die Antwort darauf will die Dokumentation Manufacturing Dissent geben, „Die Herstellung von Dissenz“. Der Titel ist eine Hommage an das Buch von Noam Chomsky und Edward Herman, Manufacturing Consent . Damit haben sich die Filmemacher, das kanadische Ehepaar Debbie Melnyk und Rick Caine, auch gleich politisch positioniert, als Linke. Und sie sind Moore-Verehrer. Enttäuschte Verehrer allerdings. Manufacturing Dissent hatte auf dem Southwest Film Festival in Austin, Texas, seine Premiere. Am 5. Mai läuft er auf dem Internationalen Dokumentarfilmfestival in München. Michael Moore ist ein durch und durch amerikanischer Filmemacher

Ja, Moore hat viel bewegt. Der Mann aus Flint, Michigan, der mit seiner Basecap, den karierten Hemden und dem Bierbauch aussieht wie ein Trucker, hat den Dokumentarfilm aus der Nische zum Millionenerfolg geführt und Nachahmer wie beispielsweise Davis Guggenheim zu dem Film über die globale Erwärmung An Inconvenient Truth mit Al Gore inspiriert. Er hat George W. Bush zwar nicht verhindert, aber mit seinem beißenden Film Fahrenheit 911 immerhin geschwächt. Und schon zuvor hat er das Big Business aufs Korn genommen, die Waffenlobby oder die Rolle der Medien als Erzeuger von Angst. Er ist die lauteste, international erfolgreichste Stimme der amerikanischen Linken.

Berühmt aber wurde Moore nicht durch seine Themen, sondern durch seine Methoden. In Fahrenheit 911 hielt er die Kamera auf einen schwer verwundeten GI, der gerade aus dem Irak zurückkam. In Roger and Me , seinem kommerziellen Durchbruch, verfolgte er den General-Motors-Chairman Roger Smith, der die GM-Fabriken in Flint, Michigan, dichtmachen wollte, mit der Kamera, um ein Interview zu erzwingen - vergebens. In Bowling for Columbine , das von der Schulschießerei in dem gleichnamigen Ort bei Denver handelt, nötigte er Charlton Heston, den Vorsitzenden der National Rifle Organisation, zu einem Gespräch und konfrontierte ihn mit dem Foto eines Opfers. Und machte ein Konto bei einer Bank auf, die dafür ein Gewehr zur Belohnung verschenkte.

Aber stimmt das denn alles — oder ist es nur kunstvoll inszeniert? Ist vielleicht die ganze Person Michael Moore, der linke Widerstandsfilmer, eine Ausgeburt der Selbstdarstellung, wie Melnyk und Caine meinen? In ihrem Film wird Moore als eitler Egomane vorgeführt, unfähig, Kritik zu ertragen oder im Team zu arbeiten, einer, der Menschen nur für O-Töne benutzt. Der behauptet, er, der Arbeiterjunge, sei beim linken Szeneblatt Mother Jones aus politischen Gründen gefeuert worden, wo er doch in Wirklichkeit einfach keine Lust auf Routinepflichten hatte. Der von Ralph Nader einen Job bekam und dann den grünen Kandidaten unter der Gürtellinie attackierte, nachdem er ins Lager von John Kerry gewechselt war. Der längst nicht mehr in Flint lebt, sondern im teuren New York.

Und die Vorwürfe von Melnyk und Caine gehen noch weiter: Moore verdrehe die Fakten, durch geschicktes Schneiden, durch Verkürzung, das Weglassen unangenehmer Details. Der verwundete GI in Fahrenheit 911 , beispielsweise, sei ein Befürworter des Irakkriegs, was der Film verschweigt. Die Bank, bei der Moore ein Konto eröffnet hat, verteilt die Gewehre nicht gleich nach Unterschrift, sie vergewissert sich zuvor, ob die Konteninhaber nicht vorbestraft sind (was an der Sache selbst allerdings nicht so sehr viel ändert). Und Roger, Roger Smith, hat Moore doch ein Interview gegeben, Moore hat es bloß nicht verwendet. Der schlimmste Vorwurf aber ist: Moore ist ein Kameradenschwein. In Roger and Me erweckt er den Eindruck, als habe es vor ihm, ohne ihn, in Flint keinen Widerstand gegeben. Dabei, so beklagen sich Mitstreiter, habe sich Moore nur an örtliche Aktivisten und Gewerkschaftler drangehängt.