Vier Tage hat Günther Oettinger gebraucht. Erst dann hatte er kapiert, dass er mit seiner Trauerrede auf den früheren Stuttgarter Ministerpräsidenten und einstigen NS-Marinerichter Hans Filbinger einen fatalen Fehler begangen hatte. Fast 30 Jahre nach dessen Rücktritt hatte er den verstorbenen "furchtbaren Juristen" als Gegner des NS-Regimes exkulpiert - eine Einschätzung, die ihm Rücktrittsforderungen en masse eintrug und selbst seine CDU-Bundesvorsitzende Angela Merkel in Rage brachte. Dennoch hielt er bis zuletzt trotzig an seiner Formulierung fest und sprach noch in seiner "Entschuldigung" in der Bild -Zeitung am Montagmorgen von Missverständnissen.

Dabei war seine Rede von Anfang für jeden erkennbar unhaltbar gewesen. Schließlich war Filbinger nicht nur Mitglied der SA und der NSDAP gewesen, sondern er war noch zu Kriegsende unbestreitbar an Todesurteilen beteiligt, was ihm 1978 verspätet das Amt kostete.

Nun endlich, nachdem der CDU die Debatte zu entgleiten drohte, trat Oettinger den Rückzug an, gedrängt von der Parteispitze und der Kanzlerin. Statt zur Geburtstagsfeier des Papstes in Rom, flog er am Montag zur CDU-Präsidiumssitzung nach Berlin, um dort klein beizugeben: "Ich halte meine Formulierung nicht aufrecht. Und ich bin deswegen hier, um mein Bedauern auszudrücken." Etwas anderes blieb ihm offenkundig nicht mehr übrig.

Dennoch bleiben Fragen ungeklärt. Weshalb konnte es überhaupt so weit kommen, dass ein jüngerer verantwortlicher CDU-Politiker, der nicht zum rechten Flügel oder den Nationalkonservativen in seiner Partei gehört, mehr als 60 Jahre nach dem Krieg sich zu einer solchen Geschichts-Umdeutung versteigt? Hat hier einer nicht richtig nachgedacht? Das ist Oettinger, der als penibler Aktenleser bekannt ist, nicht zu unterstellen; und es würde auch nicht erklären, warum er Tage lang trotz aller Proteste an seiner fatalen Bemerkung festhielt. Oder wollte hier einer, der als "liberaler Modernisierer" in seiner eigenen Landespartei stark unter Druck steht, sich bei der konservativen Mehrheit der CDU-Mitglieder und -Funktionäre im Südwesten anbiedern? Das ist schon eher anzunehmen, denn Oettinger hat auch schon bei früheren Gelegenheiten ein gehöriges Maß an Opportunismus an den Tag gelegt.

Oder wollte Oettinger, entgegen seines bisherigen Images, das in der CDU verwaiste Feld der Rechtskonservativen besetzen und somit Stimmen am rechten Rand fangen? Wenn das die Absicht gewesen sein sollte, dann ist die Operation gründlich schiefgegangen. Denn der baden-württembergische Regierungschef hat nun den Ruf weg, als einer, der im Zweifel dem Volk gefährlich nach dem Mund redet - aber dann, wenn es hart kommt, den Schwanz einzieht.

Wieso, um eine schreckliche Filbinger-Formulierung aufzugreifen, ist heute nicht mehr Recht, was am vergangenen Mittwoch an dessen Sarg noch Recht war? War Filbinger denn nun ein aufrechter Christenmensch, der nur durch die widrigen Umstände der NS-Zeit zu seinem blutrichterlichen Tun gezwungen wurde, wie Oettinger bis zum Montag behauptete? Oder war er nicht doch vielmehr ein williger Mitläufer, der wie Millionen Deutsche nicht den Mut zum Widerstand aufbrachte; der sich selber die Hände blutig machte - und der später nicht einmal die Kraft zur Einsicht oder gar Reue besaß?

Die Debatte der vergangenen Tage zeigt jedenfalls, dass die Aufarbeitung der NS-Zeit auch mehr als ein halbes Jahrhundert nach dem Ende des Dritten Reichs keineswegs abgeschlossen ist. Noch immer wird über die Deutung von Biografien und über historische Verantwortung gerungen, weil beides Ausstrahlung bis in die heutige Zeit hat und es deutsche Emotionen noch immer tief bewegt. Das Tröstliche immerhin ist, dass sich die richtige Erkenntnis nach kurzer Zeit durchgesetzt hat. Und Geschichtsrevisionisten á la Oettinger oder noch schlimmeren Kalibers in der breiten Öffentlichkeit keine Chance mehr haben.

Zum Thema
Günther Oettinger begreift nicht, warum seine Verständnisrede für Filbinger verhängnisvoll war - Deshalb hätte er sich seine Entschuldigung sparen können. Ein Kommentar "

Kein Gottesdienst, keine Rom-Reise - Das Erzbistum Berlin hat einen Gottesdienst für Filbinger abgesagt. Merkel bekräftigte ihre Kritik an Oettinger "

Chronik einer Verstrickung - Hans Filbinger trat 1978 als Ministerpräsident zurück, als durch einen Artikel in der ZEIT seine NS-Vergangenheit bekannt wurde. ZEIT online dokumentiert die Debatte "