Eine vorzügliche Strategie könnte sie sein, die Spekulation mit Vorzugsaktien. Zumindest behaupten das zuweilen Aktienstrategen auf der Suche nach dem ultimativen Renditedreh. Sie geben sich der Hoffnung hin, der Kurs der Vorzugsaktien würde stärker steigen als jener von Stammaktien desselben Unternehmens. Leider liegen sie damit oft falsch, wie gerade Händler der West LB ebenso unfreiwillig wie eindrucksvoll bewiesen haben.

Dass eine Aktiengesellschaft sowohl Vorzugs- als auch Stammaktien herausgibt, hat zunächst einmal abstimmungspolitische Gründe. Vorzugsaktien sind nämlich mit einem gewichtigen Nachteil verbunden: Ihre Inhaber haben im Gegensatz zu den Stammaktionären auf der Hauptversammlung kein Stimmrecht. Aus Sicht des Unternehmens und seiner Mehrheitsaktionäre ist die Vorzugsaktie somit eine elegante Möglichkeit, Kapital hereinzuholen, ohne dass daraus lästige Mitbestimmungsansprüche entstehen.

Doch die Vorzugsaktie hat auch für das Unternehmen einen Preis. Dafür, dass seine Vorzugsaktionäre stillhalten, muss es eine höhere Dividende zahlen. Das ist der eigentliche Vorzug des Papiers. Trotz der höheren Ausschüttung liegen indes die Kurse der Vorzugsaktien meist niedriger als jene der Stammaktien.

Genau hier setzt die Vorzugs-Spekulation an: Ihre Vertreter wetten ihr Geld darauf, dass die Kursdifferenz zwischen Vorzugs- und Stammaktien sinkt, weil die Kurse der Vorzugsaktien ansteigen. Das passiert zum Beispiel dann, wenn die Bewertung der Vorzugsaktien sich jener der Stammaktien anpasst, oder wenn das Unternehmen beschließt, seine Vorzugsaktien in Stammaktien umzuwandeln. Letzteres wird gerne gemacht, um Handelsvolumen und Börsenkapitalisierung auf eine Aktiengattung zu konzentrieren und damit in den nächsthöheren Aktienindex aufzusteigen. So sind beispielsweise die Stammaktien des Autokonzerns Volkswagen im Dax notiert, während die Vorzugsaktien nur dem "Prime-All-Share"-Index angehören.

Das Beispiel Volkswagen zeigt sehr schön, wie man trotz positiver Rahmenbedingungen die Spekulation mit Vorzugsaktien gegen die Wand fahren kann. Hier hat der Einstieg von Porsche nicht dazu geführt, dass die Vorzugsaktien ihren Abstand zu den Stammaktien verringern konnten, im Gegenteil: Seit die Aktie Mitte vergangenen Jahres ihren Tiefpunkt erreichte, stieg der Kurs der VW-Stammaktie bis Anfang April um 119 Prozent und der Kurs der Vorzugsaktie um 111 Prozent.

Gleichwohl hat offenbar die WestLB darauf gewettet, dass die Vorzüge ihren Kursrückstand von rund 30 Prozent verkleinern. Dies wäre nicht weiter schlimm gewesen, wenn die Bank einfach Vorzüge gekauft hätte - dann wäre ihr Gewinn eben ein bisschen niedriger ausgefallen. Doch mit Hilfe von Derivaten hat das Geldinstitut mit enormer Hebelwirkung allein darauf spekuliert, dass sich die Spanne zwischen Stamm- und Vorzugsaktien reduziert, und damit innerhalb kurzer Zeit 100 Millionen Euro verzockt. Presseberichten zufolge waren auch Kursmanipulationen im Spiel.