Moskau hat sich am Samstag wie gegen einen Barbareneinfall gerüstet. 9.000 Polizisten und Soldaten des Innenministeriums machten das Zentrum der Hauptstadt zur Festung. Uniformierte sicherten einige Innenstadtstraßen im Abstand von 20 Metern: Soldaten und Spezialpolizisten in ihrer Montur wie aus der Requisitenkammer eines Science-Fiction-Krimis säumten den Bürgersteig.

Dazwischen mischten sich Hilfspolizisten mit rotem Armband, die für ihren selbstlosen Einsatz an der heimatlichen Ordnungsfront eine Gratis-Monatskarte für die U-Bahn erhalten. Wassertankwagen, Räumfahrzeuge, Bagger und Häftlingstransporter standen bereit. Die Staatsmacht war bestens gewappnet.

Ihr Spalier galt ein paar tausend friedlichen Oppositionellen, die auf dem "Marsch der Dissidenten" ihrem Unmut über die russische Regierung an einem nicht genehmigten Ort, dem Puschkinplatz, Ausdruck geben wollten.

Protest gegen die Staatsorgane ist nicht nach der politischen Mode im heutigen Russland. Einer der eifrigen Knappen des Präsidenten Wladimir Putin, Parlamentssprecher Boris Gryslow, warnte schon am Donnerstag vor Massendemonstrationen, die "politische Instabilität" schafften. Gryslow, scheint es, hängt mehr dem Harmoniebild à la sowjetischer Propaganda mit lachenden Menschen, Luftballons und wehenden Kinderzöpfen nach: "Demonstrationen sollten ihrer Natur nach fröhlich sein", sagte er, "wenn die Menschen auf die Straße gehen, um bestimmte Ereignisse zu feiern." Doch ein paar Unbeugsame beharren auf ihrem Recht der Meinungsfreiheit.

Russland erlebt in den vergangenen Monaten eine schleichende Aushöhlung des Demonstrationsrechts von oben. In der Stadt Noworossijsk wurde schon eine Teerunde jugendlicher Menschenrechtler als unerlaubte, da nicht angemeldete Versammlung von der Polizei gesprengt. In Moskau sollen künftig Aufmärsche in der Nähe historischer Denkmäler und mit mehr als zwei Personen pro Quadratmeter verboten werden. Versammlungen in Gebäuden sind unzulässig, wenn die Zahl der Teilnehmer die der Sitzplätze übersteigt. Den Rest erledigt die Genehmigungsbehörde.