Die Opposition um Kasparow ist eine kleine Gruppe ohne Rückhalt in der Mehrheit der russischen Bevölkerung. Sie stellt für die kommenden Wahlen des Parlaments im Dezember und des Präsidenten im März nächsten Jahres keine politische Gefahr für den Kreml dar. Auch der exilierte Oligarch Boris Beresowskij hat seine Bedeutung für die russische Politik weit überschritten, indem er eine von ihm organisierte Palastrevolution ankündigte.

Dennoch treibt die längst an den Rand gedrängte Opposition alle Staatsorgane, die dem Kontrollwahn verfallen sind, in Nervosität. Das martialische Auftreten der Polizei in Moskau soll den Bürgern im Land nicht nur demonstrieren, dass von der Opposition nur gesperrte Straßen, Unruhe und Gefahr ausgeht. Es setzt vor allem in alter Tradition auf Drohgebärden und Einschüchterung. Ein Dialog findet nicht statt. Die erste Pflicht des gehorsamen Untertans soll Ruhe aus Furcht sein.

Für die Staatsmacht sind die Bürger, wenn sie sich nicht mit dem Dasein als Wahlressource begnügen, in erster Linie ein Störfaktor. Die von Putin beschworene "Diktatur des Gesetzes" entpuppt sich in der russischen Wirklichkeit als die Herrschaft derer, denen die Auslegung und Umsetzung der Gesetze obliegt. Die Gerichte erweisen sich zumeist als nachgeschaltete Bestätigungsagentur.

Im Westen weisen Russlands führende Politiker gerne auf ihre demokratische Verfassung hin. Zuhause entwerten sie die verbrieften Grundrechte dagegen mit zynischen Lippenbekenntnissen und autoritärem Handeln.

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