Fast 20 Prozent der irakischen Bevölkerung sind auf der Flucht vor der immer weiter zunehmenden Gewalt in ihrem Land. In diesem Zusammenhang beginnt am Dienstag bei den Vereinten Nationen in Genf eine zweitägige internationale Konferenz, die sich mit Hilfsmöglichkeiten für die rund vier Millionen irakischen Flüchtlinge beschäftigt.

Das UN-Flüchtlingshilfswerk (UNHCR) hat dazu etwa 450 Teilnehmer aus 60 Ländern sowie Vertreter zahlreicher Organisationen eingeladen. Ein UNHCR-Sprecher sagte in Genf, der Bedarf der Flüchtlinge sei riesig. Zur Linderung der größten Not seien Hunderte von Millionen Dollar nötig, da jeden Monat noch immer fast 50.000 Menschen aus dem Irak fliehen. Der UN-Hochkommissar für Flüchtlinge, António Guterres, warnte davor, die humanitäre Krise im Irak weiterhin zu vernachlässigen.

Obwohl dem Irak-Krieg weltweit höchste Aufmerksamkeit in den Medien zuteil werde, bleibe das Vertriebenen- und Flüchtlingsdrama weitgehend im Dunkeln. "Das Ausmaß des Problems spricht für sich selbst", sagt Guterres. Einer von acht Irakern wurde aus seiner Heimat vertrieben. Das sei die "größte Vertreibung" im Nahen-Osten seit 1948.

Im Vorfeld der Konferenz hat die Menschenrechtsorganisation Amnesty International (AI) die Europäische Union zur Hilfe für Millionen Flüchtlinge aus dem Irak aufgerufen. "Wir bitten die EU, technische und finanzielle Unterstützung zu leisten", sagte AI-Europadirektor Dick Oosting am Montag in Brüssel. Amnesty wandte sich zugleich gegen Abschiebungen in den Irak. Viele Irak-Flüchtlinge hielten sich illegal in Jordanien auf und fürchten eine Abschiebung. Angesichts der nicht vorhandenen echten Fluchtalternativen innerhalb des Landes betonte Oosting: "Wir sind gegen eine erzwungene Rückkehr von Flüchtlingen in den Irak."

Auch die Nachbarländer des Zweistromlandes sind dem Flüchtlingsproblem weder politisch noch strukturell gewachsen. Vor allem die syrische und jordanische Infrastruktur leidet unter den respektive schätzungsweise 1,2 Millionen, beziehungsweise einer Million geflüchteten Irakern. Besonders für das lediglich 4,3 Millionen Einwohner zählende haschemitische Königreich ist dies eine enorme Belastung. Hunderttausende Iraker besitzen keine gültigen Papiere und stehen unter Beobachtung. Die anderen werden als "Gäste", nicht als Flüchtlinge, geduldet und haben daher keinen Anspruch auf bestimmte Rechte, wie Zugang zu Bildung oder medizinische Versorgung. Zusätzlich erschwert wird die Situation durch die Tatsache, dass Jordanien nicht zu den Staaten gehört, die das Internationale Flüchtlingsabkommen von 1951 unterzeichnet haben.

Ein international bisher relativ unbeachtetes Problem sind die nach UN-Angaben 1,9 Millionen innerirakischen Flüchtlinge, die aus ihren Heimatorten vertrieben wurden. Vor allem die ethnisch und religiös motivierte Gewalt hat dazu geführt, dass die vormals gemischten Stadtviertel in Bagdad mittlerweile fast ausschließlich von Irakern gleicher Ethnie oder Religionszugehörigkeit bewohnt werden. Untergekommen sind die Flüchtigen derweil entweder bei Gastfamilien, aber auch in leer stehenden Häusern und Militärbaracken. Viele Städte stehen jedoch kurz vor dem Kollaps, besonders die im Süden gelegenen Städte sind dem Flüchtlingsstrom kaum gewachsen. So meldete die Stadt Kerbala vor Kurzem, dass ihre Aufnahmekapazitäten endgültig erschöpft seien. Damit einhergehend ist auch die Nahrungsversorgung katastrophal, viele Iraker leiden bereits an den Folgen von Mangelernährung.

Die psychologischen Kriegsfolgen sind derzeit noch nicht ausführlich dokumentiert, dennoch mögen sie wohl auch zukünftig zu den großen gesellschaftlichen Problemen im Post-Saddam-Hussein-Irak zählen.

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