Es gibt Tore für die Ewigkeit. Kurze Momente des Zuschauerglücks, die eine Antwort auf die Frage geben, warum jedes Wochenende Hunderttausende Fußballfans in aller Welt in die Stadien rennen und sich leidend Spiele antun, wie das 1:0 von Hannover gegen Gladbach oder das 2:2 zwischen Hamburg und Mainz. Spiele, die schon am Tag darauf vergessen sind und die die Zuschauer davon träumen lassen, sie wären am vergangenen Mittwoch in Nou Camp dabei gewesen.

In Barcelona hat Lionel Messi an jenem Tag im Halbfinalhinspiel des spanischen Pokals gegen Getafe ein Tor geschossen, über das diejenigen, die es gesehen haben, noch lange reden werden. An der Mittellinie hat der Argentinier im Dress der Katalanen den Ball aufgenommen. Die halbe Mannschaft des Gegners hat er bei seinem Sturmlauf stehen lassen, vier Verteidiger mit dem Leder am Fuß wie Slalomstangen umkurvt. Dann hat er auch noch den Torwart ausgespielt und aus spitzem Winkel den Ball mit rechts ins Tor geschoben. Wie einst Maradona bei der WM 86.

Hohe Fußballkunst in Barcelona und hohe Fußballkunst in Bremen. Auch die Fans, die am Freitagabend im Weserstadion waren, werden zwar schon bald das Ergebnis des Spiels vergessen. Bundesligaalltag. Aber sie werden noch lange über einen brasilianischen Geniestreich in der 93. Minute reden. In Bremen hat Diego den Ball sogar in der eigenen Hälfte weit vor der Mittellinie zugespielt bekommen. Aber statt die Aachener Verteidigung auszudribbeln, hat er einfach Maß genommen, denn deren Torwart Kristian Nicht hatte für einen Ausflug in den gegnerischen Strafraum seinen Arbeitsplatz verlassen. Aus exakt 62,6 Metern schoss Diego den Ball zielgenau ins leere Tor. Lange vier Sekunden war der Ball in der Luft, kurz vor Linie sprang er auf, prallte an die Unterkante die Latte und landete von dort im Netz. Noch nie hat ein Bundesliga-Profi aus größerer Entfernung getroffen.

Diegos Tor war der künstlerische Höhepunkt des Bremer Sieges am Freitagabend gegen Aachen und dennoch reichte es nur für 18 Stunden an der Tabellenspitze. Am Samstag zog Schalke gegen Cottbus wieder vorbei. Stuttgart bleibt auf Platz drei. So weit alles wie gehabt, der Titelkampf in der Bundesliga bleibt spannend. Nur Bayern München hat sich nun tatsächlich daraus verabschiedet. 2:0 verloren die selbsternannten Abonnementsmeister beim unmittelbaren Konkurrenten in Stuttgart.

Und so wie es Tore für die Ewigkeit gibt, gibt es auch historische Niederlagen. Wann immer in den nächsten Wochen, Monaten und Jahren vom Niedergang des glorreichen Rekordmeisters die Rede sein wird, wird auch über das Münchener Desaster in Stuttgart gesprochen werden. In einem einzigen Spiel wurde aus dem Meisterschaftsanwärter eine Lachnummer und die einzige Frage, die noch einer Antwort harrt, lautet: Konnten oder wollten die Bayern nicht, war es Unvermögen oder Arbeitsverweigerung?

Die Frage ist leicht zu beantworten, schließlich gibt es auf dem grünen Rasen kein Recht auf informationelle Selbstbestimmung, keinen Datenschutz und auch sonst keine Angst vor dem Überwachungsstaat. Bei jedem Spiel richten sich gleich zwei Dutzend Kameras auf die Kicker, kein Schritt machen sie ohne elektronischen Bewegungsmelder, und kaum ist das Spiel vorbei, dann wissen die Zuschauer alles über ihre Lieblinge: wie viele Zweikämpfe diese gewonnen und wie oft sie den Ball verloren haben, wie oft sie aufs Tor geschossen und im Abseits gestanden haben. Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble hätte an so viel Daten über seine Untertanen seine helle Freude.

Der FC Bayern München war am Samstag in Stuttgart zwar 54 Prozent der Zeit in Ballbesitz, aber er hat in 90 Minuten trotzdem nur neun Mal auf das Tor von Timo Hildebrand geschossen. In der ersten Halbzeit fast gar nicht und auch in den letzten 20 Minuten nur ein einziges Mal. Stuttgart hingegen schoss 20 Mal auf das von Oliver Kahn gehütete Tor. Bremen kommt sogar auf 28 Mal, alle drei Minuten. Nur um mal zu zeigen, was beim Fußball auch möglich ist.