Vor ein paar Wochen sollte der deutsche Politikwissenschaftler Mathias Küntzel in Leeds einen Vortrag über islamischen Antisemitismus halten. Es kam nicht dazu. Die Leitung der Universität setzte den Vortrag kurzerhand ab, aus Sicherheitsgründen. Das Thema galt als zu "kontrovers", weil sich muslimische Studenten im Vorfeld beschwert hatten. Das reichte.

Nach ähnlichem Muster wird offenkundig auch an englischen Schulen verfahren. Eine Untersuchung des Erziehungsministeriums erbrachte jetzt, dass Lehrer den Holocaust vom Unterricht absetzen, weil sie Konflikte vermeiden wollen. Sie fürchten die Auseinandersetzung mit muslimischen Schülern, die antisemitisch orientiert sind und den Holocaust  leugnen. Aus dem gleichen Grund wird an vielen Schulen im Geschichtsunterricht für 11- bis 14-Jährige auf die Behandlung der Kreuzzüge verzichtet. Die Studie befand, Lehrer seien nicht gewillt, gegen "emotional aufgeladene, höchst problematische Versionen" bestimmter historischer Ereignisse anzugehen, mit denen "muslimische Schüler zu Hause, in ihrer Umgebung oder an Orten des Gebetes aufwachsen".

Zugleich deutet die Studie an, dass die Kenntnisse vor allem von Lehrern an Grundschulen oftmals unzureichend sind. Das führe dazu, dass Geschichte häufig äußerst "oberflächlich" gelehrt werde; heikle Themen würden "simplifiziert und unreflektiert" behandelt. Mittlerweile versucht die britische Regierung zu beschwichtigen, weil weltweit E-Mails zirkulieren, in denen Großbritannien vorgeworfen wird, sich islamistischem Druck gebeugt und den Holocaust aus dem Unterricht verbannt zu haben. Das Erziehungsministerium stellte in einer offiziellen Erklärung klar, dass die Judenvernichtung Pflichtthema im Unterricht für die 11- bis 14-Jährigen bleibe.

Dennoch liefert die Untersuchung ein Indiz dafür, dass antisemitische Auffassungen in den muslimischen Minoritäten Europas weit verbreitet und unter jungen Muslimen besonders ausgeprägt sind. So betrachten nach einer Umfrage aus dem vergangenen Jahr knapp 40 Prozent der britischen Muslime Juden als "legitime Ziele im Kampf für eine gerechte Ordnung im Nahen Osten". Ein zutiefst beunruhigender Befund, nicht nur für Juden. In Frankreich hat die Welle der Angriffe jugendlicher Franzosen arabischer Herkunft auf jüdische Bürger weiter zugenommen. Berichtet wird darüber eher spärlich. Seit Islamisten und nicht Rechtsextremisten Hatz auf Juden machen und Terroranschläge gegen sie verüben, hält sich die Aufregung in Grenzen.

Die EU möchte ein gesetzliches Verbot der Holocaustleugnung in allen Mitgliedsländern erreichen; man kann dies getrost als stillschweigendes Eingeständnis werten, dass ein Problem existiert und dringender Handlungsbedarf besteht. Zugleich wird die Kluft deutlich, die zwischen der Politik und der Realität vor Ort, der Arbeit der Bildungsinstitutionen, besteht: Während die Politik das Leugnen des Holocaustes unter Strafe stellt, verzichten Schulen und Universitäten stillschweigend darauf, das Thema auch nur zu behandeln - aus Angst vor Protest und Widerstand von Muslimen.      

Der klassische Antisemitismus von rechts, schmuddlig und rassistisch, spielt in Europa nur noch eine untergeordnete Rolle. Bis auf einen unverbesserlichen Bodensatz sind die europäischer Gesellschaften dagegen weitgehend immun geworden. Benny Peiser, Anthropologe an der Universität Liverpool, verweist auf ein "Paradox": durch den Holocaust, Auswanderung und die Gründung des Staates Israel gebe es in Europa eigentlich keine "jüdische Welt" mehr, sondern nur noch vereinzelte jüdische Gemeinden. Vor dem Zweiten Weltkrieg lebten in Europa an die zehn Millionen Juden. Heute beläuft sich ihre Zahl auf kaum mehr als eine Million. In Frankreich und Großbritannien sind mit rund 600.000 bzw. 250.000 die größten Gemeinden zu finden. Doch zugleich nimmt quer durch Europa ein Antisemitismus zu, der aus neuen Quellen gespeist wird.