Sönke Wortmann wurde am Dienstag Abend im Presseraum des Nürnberger Frankenstadions vergeblich gesucht. Vermisst wurde er trotzdem nicht. Dabei enthielten die Szenen nach dem Schlusspfiff so viel ansteckendes Pathos, dass unweigerlich Erinnerungen an den vergangenen Sommer und dessen cineastische Umsetzung wach wurden. Da thronte nach dem 4:0-Erfolg über Eintracht Frankfurt ein vor Glück dahinschmelzender Präsident Michael A. Roth auf den Schultern der Spieler. Da schmetterten Zehntausende die mit Panflöte unterlegte Vereinshymne "Die Legende lebt"; in der S-Bahn intonierten enthemmte Menschen aus Feucht oder Bamberg den selbst getexteten Shanty vom internationalen Wettbewerb, den man nun erreicht habe. Da die Buchstaben "P" und "K" der fränkischen Zunge so artfremd sind wie die Badehose dem Eskimo, lautet der Refrain korrekt wieder gegeben "Eurobbabogal, Eurobbabogal, Eurobbabogal, Eurooobbabogal".

Doch nicht nur wegen der überbordenden Freude auf den Rängen und auf dem Platz ist den Nürnbergern das Erreichen des Pokalfinales von ganzem Herzen zu gönnen. Die Mannschaft erntet damit die Früchte einer Entwicklung, die seit November 2005, dem Amtsantritt von Hans Meyer, Schritt für Schritt zu sichtbaren Resultaten auf dem Platz führt. Mittlerweile wirkt das Team absolut eingespielt, von der Torwart- bis zur Mittelstürmerposition weist jeder seine Stammplatzberechtigung nach, was umso erstaunlicher ist, als man die Hälfte der Ersatzbank ebenso bedenkenlos ins Spiel bringen könnte. Wenn dann Spieler wie der fantastische Tomas Galasek oder Ivan Saenko so aufdrehen wie am Dienstagabend, vergeht ganz anderen Mannschaften als Eintracht Frankfurt Hören und Sehen. Die Hessen müssen sich allerdings den Vorwurf gefallen lassen, den Franken allzu kampflos das Feld überlassen zu haben. Verräterisch die Szene aus der 17. Minute – es stand erst 1:0 für die Hausherren – als Benjamin Köhler aus Angst vor einer Blessur den Kopf einzog, anstatt eine gut getimte Amanatidis-Flanke zum Ausgleich einzuköpfen.

Auch beim 1:0-Erfolg des VfB Stuttgart bei den wackeren Wolfsburgern setzten sich Esprit und Elan gegen Funktionalität durch. Den Schwaben ist der Spaß an der Spielfreude in dieser Saison überdeutlich anzumerken. Dass überdies mit Osorio und Pardo zwei absolute Ausnahmekönner das mit hoffnungsvollen Talenten gesegnete Team bereichern, bleibt nicht folgenlos: Der VfB gehört zu den ball- und kombinationssichersten Team der Liga und steht allein deswegen zu Recht auf einem Champions-League-Platz. Beim VfL Wolfsburg hingegen fallen die technischen Fähigkeiten von Marcelinho auch deswegen so auf, weil einigen anderen Spielern zu häufig vermeidbare Abspielfehler unterlaufen. Auch die Stuttgarter Spieler freuten sich über alle Maßen mit ihren immerhin 2200 mitgereisten Fans. Während es in der Liga üblich ist, sich mit den immergleichen Dankesgesten Richtung Fankurve nach wenigen Sekunden vor die Mikrofone der Fernsehsender zurückzuziehen, spukten Magnin, Hildebrand und Co. minutenlang alles ab, was erwachsene Männer an Albernheiten und Tänzchen zu bieten haben, wenn sie sich so richtig freuen.

Mit Stuttgart und Nürnberg treffen am 26. Mai zwei Teams aufeinander, die für ein spannendes Finale sorgen dürften. Wer Spaß an schnellem Kombinationsspiel hat, kann sich derzeit wohl keine ansehnlichere Partie zwischen zwei deutschen Mannschaften vorstellen.

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