Sommerliches Wetter soll die Wahlbereitschaft der Menschen erhöhen, haben Statistiker festgestellt. Angesichts der Temperaturen und des blauen Himmels an diesem Wochenende in Frankreich kann man sich dementsprechend eine ordentliche Beteiligung für den ersten Wahlgang am Sonntag versprechen. Der Klimawandel dient der Demokratie. Das ist ja erstmal eine gute Nachricht.

Seit Freitag mitternacht herrscht Ruhe von der Politik im Land. Bis Sonntag um 20 Uhr dürfen die Kandidaten nur noch schweigen; keine Rede, keine Veranstaltung, kein Treffen mehr sind erlaubt. Die Umfragen und ihre Veröffentlichung sind untersagt. Diese willkommenen Momente der medialen Stille soll der Franzose nutzen, um sich endlich allein mit sich selbst, mit den Fotos oder – für die mutigsten – mit den Programmen der Kandidaten auseinandersetzen. Und möglichst die richtige Entscheidung treffen.

Denn es gibt sehr viele Unbekannten in diesem Rennen. Eine ist jedoch bedeutender als alle anderen: Was, wenn der Kandidat der Mitte, François Bayrou, gegen Nicolas Sarkozy -– der allen Umfragen zufolge die besten Aussichten hat –- in der Stichwahl antritt? In diesem Fall prognostizieren die Umfragen einen eindeutigen Sieg von Bayrou über Sarkozy, nicht jedoch so bei Royal.

Und hier liegt der Hase im Pfeffer: Trotz seines Erfolgs würde ein Präsident Bayrou über keine Mehrheit im Parlament verfügen: Seine Partei, die UDF, besteht aus 26 Abgeordneten. Die neuen Parlamentswahlen, die am 10. und 17. Juni stattfinden, würden zwar die Karten neu mischen. Jedoch nur durch Allianzen könnte das Land regierbar werden - was, angesichts der französischen politischen Streitkultur, fragwürdig bleibt. Daher der Anspruch von Bayrou, seine Kandidatur bezeichne die Zeit einer Revolution. In der Tat, eine Große Koalition - die allerdings mit der Kohabitation nicht im geringsten etwas gemeinsam hat - widerspricht dem Geist der Fünften Republik, die genau deshalb gegründet wurde, um eine solche Konstellation zu verhindern.

In einem außergewöhnlichen Leitartikel hat Le Monde die Wähler dazu aufgerufen, zwischen Sarkozy und Royal zu entscheiden. In seinem Text „Das demokratische Imperativ" warnt am Donnerstag Jean-Marie Colombani: „Das Motto der Präsidentschaftswahl lautet: Im ersten Wahlgang entscheidet man sich, im zweiten beseitigt man. Dieses Mal muss man im ersten Wahlgang beseitigen, um sicher zu sein, dass man im zweiten Wahlgang entscheiden kann. Trotz aller Verwirrungen des Wahlkampfes: Das einzige Projekt, das es mit Sarkozy aufnehmen kann und das über eine regierungsfähige politische Macht verfügt, ist dasjenige von Ségolène Royal."

Der Appell löste eine Lawine von bösen Kommentaren aus - erwartungsgemäß auch von Bayrou selbst. Aber das ist letztlich viel Lärm um nichts: Erstens dehnt sich die Einflusssphäre eines solchen Kommentars nicht weit über die Rive Gauche von Paris. Und zweitens, daran erinnerte Jacques Chirac, gibt es stets Überraschungen in einer Präsidentschaftswahl. Sehr gerne, das sorgt für Unterhaltung, aber im Gegensatz zum 21. April 2002 eine demokratische, bitte.